1960-65: Belastungen, Essstörung, Umbrüche, wunderbare neue Musik

 

(wird noch bearbeitet!)

 

Kurz vor Weihnachten 1960 zogen wir aus dem alten Dorf in unser neu gebautes, noch nicht ganz fertiges Siedlerhaus in der Bunsenstraße. Den Umzug erledigte unser Nachbar Rohmer-Paulus mit Traktor und Leiterwagen. Dabei waren nur zwei Fahrten notwendig, weil fast alles an Mobiliar neu bestellt wurde.

Großvater und Großmutter zogen aus ihrer bisherigen Firmenwohnung in Erlangen mit ins Haus und wohnten im Obergeschoss.

Unser schönes neues Domizil bot uns den lang vermissten Komfort eines Badezimmers und einer separaten Innentoilette mit Wasserspülung. Im Vergleich mit unseren vorherigen Wohnverhältnissen erschien uns alles sehr modern und fortschrittlich. Dabei war das Haus aber noch nicht mit einer Zentralheizung ausgestattet.

Stattdessen war eine Kachelofen-Etagenheizung eingebaut, die mit Holz und Kohle befeuert werden musste und jeweils nur zwei Räume im Erd- und Obergeschoss erwärmte. Das Badezimmer hatte der Architekt ganz nach den damals gültigen Flächennormen des sozialen Wohnungsbaus geplant, so dass die Bezeichnung "Zimmerchen" treffender gewesen wäre. Die Länge der Badewanne bestimmte die Raumlänge. In der Tiefe gab es neben der Wanne lediglich noch ein Waschbecken und den üblichen Badezimmerofen. Die Grundfläche insgesamt betrug gerade mal 3,10 Quadratmeter. Das Warmwasser zum Baden musste im säulenartigen weißen Kesselaufsatz durch das Verbrennen von Holz und Kohle im schwarzen Ofenuntersatzes erhitzt werden. Gebadet wurde nur am Samstag. Unter der Woche wusch man Körper und Haare am Waschbecken, wobei das Wasser durch einen Durchlauferhitzer erwärmt wurde. Eine Duscheinrichtung an der Badewanne war nicht vorhanden.

 

Als größten Luxus empfand ich den Parkettboden im Wohnzimmer. Alle übrigen Zimmer hatten nur Dielenböden. Außerdem gab es neue Möbel im skandinavischen Stil mit schrägen, spitz zulaufenden Beinen, Tischchen mit Mosaikplatten und Tütenlampen. Im Esszimmer befand sich die Feuertür für die Kachelofenheizung. Der Kaminzug daneben in der Zimmerecke wurde mit einer Klinkertapete passend aufgewertet. Mein Vater kaufte sich einen Plattenspieler und hörte klassische Musik. Einen Fernseher hatten wir anfangs noch nicht. Einige Jahre später gab es dann aber doch ein Schwarzweiß-Gerät. Meine Mutter war Sammelbestellerin für das Versandhaus Baur in Burgkunstadt geworden und hatte deshalb sowohl den Marktüberblick als auch günstige Einkaufsbedingungen.

 

An der Südseite des Hauses befand sich eine Nische mit Doppel-Glastür und angrenzender Terrasse. Die Sträucher- und Blumenbepflanzung legte meine Mutter so an, dass man sich von Frühling bis Herbst immer über eine bunte Blütenpracht freuen konnte. Auf dem Grundstück von insgesamt rund 1000 Quadratmetern wurden Kirsch- und Apfelbäume gepflanzt. Dazwischen gesetzt waren Beerensträucher und in einer Ecke entstanden Gemüsebeete mit Kartoffeln, Bohnen und Tomaten. Die Großeltern wollten wieder einen Hühnerstall haben und bekamen ihn als Anbau hinten an der Garage. In der angrenzenden Umzäunung hielt meine Großmutter eine kleine Hühnerschar.

 

Meine Eltern hatten nie einen Führerschein und ein Auto erworben. Und das änderte sich auch nicht, nachdem eine Garage vorhanden war. Wahrscheinlich, weil sie kein Geld dafür erübrigen konnten und sie sich wegen der Hypotheken-Rückzahlung für das Haus nicht zusätzlich verschulden wollten. Das Auto für die Garage bekam später dann ich, als ich 19 geworden war und meine Führerscheinprüfung bei der Bundeswehr abgelegt hatte. Dabei handelte es sich um einen VW-Käfer, Baujahr 1958, die Modellversion mit dem kleinen, aber nicht mehr geteilten Heckfenster.

In den ersten Jahren hatte ich kein eigenes Zimmer. Ich schlief auf der ausklappbaren Couch im Wohnzimmer der Großeltern im ersten Stock. Später wurde ein Kellerraum neben dem Kohlenkeller und der Waschküche zum Jugendzimmer ausgebaut. Ich fand, dass die Schottenkaro-Tapeten an den Wänden internationalen Flair ausstrahlten und dass ich besonders stolz auf mein Zimmer sein konnte.

Auf einigen Fotos aus dem Frühjahr 1961 ist zu sehen, dass die Außenanlagen am Haus noch nicht vorhanden sind. Die Garage steht erst im Rohbau, der Garten ist noch unangelegt, es gibt noch keinen Zaun. Damals war die Cousine meines Vaters, Lotte, mit ihrem jüngeren Sohn Jürgen zu Besuch. Meine Schwester Ingrid war damals knapp über zwei Jahre alt.

 

Nur wenig später im Frühsommer kam ich völlig unerwartet in den Genuss eines Tages-Ausflugs als Beifahrer in einem VW-Käfer mit schickem offenen Rollverdeck.

Das Auto gehörte Alois Schaffer, dem Mann, der die Nichte meiner Großmutter, Irmgard Steiner, geheiratet hatte. Auch die Schaffers hatten zwei Kinder: die ältere Brigitte und den jüngeren Rainer. Alois stammte aus dem Sudetenland und war 1946 vertrieben worden. Er arbeitete als Elektro-Ingenieur bei Siemens, ein Bruder von ihm lebte in Pfaffenhofen an der Ilm. Irmgard und Alois hatten meine Großeltern schon besucht, als die noch in der Firmenwohnung in der Nägelsbachstraße in Erlangen wohnten. Nicht zuletzt, weil Alois neben dem Siemens-Physiker Ortenburger Stamm-Schachpartner meines Großvaters war.

Ich erinnere mich nicht mehr an die genaue Fahrtroute unseres Ausflugs und auch nicht mehr an den Endpunkt. Ich weiß nur, dass wir an den Rußweihern bei Eschenbach am Rand des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr waren und auch das Kloster Speinshart besichtigten, hinter dem die markante Kuppe des erloschenen Vulkans „Rauher Kulm“ zu sehen war. Irgendwie meine ich auch, dass Alois sogar bis zum Kloster Waldsassen in den Oberpfälzer Wald fahren wollte und dass sein Sohn Rainer mit dabei war. Jedenfalls ist mir der Auto-Ausflug wegen seiner Länge, einiger Sehenswürdigkeiten und der neuen, faszinierenden Landschaft entlang der Strecke bis heute unvergesslich geblieben.

 

Nur etwa 50 Meter Meter von unserem Haus entfernt, begann jenseits der Bunsenstraße ein großer noch unbebauter Wiesenhang, der sich bis hinauf zum angrenzenden Föhrenwald erstreckte. Für uns Jungs, die entlang der Bunsenstraße wohnten, konnte es gar keinen besseren Fußball-Bolzplatz geben. Dass wir dabei immer wieder „den Berg hinauf“ spielen mussten, störte uns überhaupt nicht.

Zu dieser Zeit lernte ich auch meinen ein Jahr jüngeren Freund Rainer Schwarz kennen, der mit seinen Eltern in einem der neu gebauten Wohnblocks auf der Westseite am oberen Ende der Bunsenstraße lebte. Sein Vater arbeitete als Betriebsmaler bei der Firma Frieseke und Höpfner in Bruck und seine Mutter kümmerte sich um Haushalt und Küche des Arzt-Witwers Dr. Ochs mit seiner Tochter Inge in Erlangen. Rainer gehört bis heute zu meinen Freunden. Und weil wir uns schon 1961 trafen, ist er sogar mein ältester Freund. Rainer ging damals in die Pestalozzischule in Erlangen und später zum Humanistischen Gymnasium „Fridericianum“. Wir trafen uns nicht nur zum Fußballspielen, sondern besuchten uns auch gegenseitig zu Hause, weil wir beide Briefmarken und Münzen sammelten.

 

In der Röntgenstraße in der Werksiedlung nur wenige hundert Meter entfernt gab es die private Leibücherei Grätz mit Schreibwaren- und Zeitschriftenladen. Zu Fasching bekam ich dort auch eine komplette Cowboy-Ausstattung mit Hut, Weste, Waffengürtel mit aufgenähten Patronenschlaufen und Holster zum Anbinden an den Oberschenkel. Und dazu natürlich die Hauptsache: den passenden Zündplättchen-Revolver. Gelegentlich kaufte ich mir bei Grätz von meinem Taschengeld Western- oder Krimihefte aus dem Pabel- und Moewig-Verlag. Besonders beliebt war die Reihe „G Man Jerry Cotton“. Lesestoff konnte man sich aber auch aus dem Bücherbus der Erlanger Stadtbibliothek ausleihen, der wöchentlich nur einige hundert Meter entfernt parkte.

 

Angeregt durch die Westerngeschichten begann ich selbst auch zu schreiben und schuf eine erste Kurzgeschichte. Von der ist mir nur in Erinnerung geblieben, dass die Hauptfigur ein Sheriff gewesen war. Leider habe ich das Zeitdokument im reiferen Alter gedankenlos entsorgt. Diese Story und dazu zwei weitere Kommentare zu Geschehnissen in späteren Jahren waren in einem A5-Ringbuch mit Kunststoff-Umschlag abgeheftet. Darauf hatte ich in den 60er Jahren eine "Selbstbildnis-Vision" gezeichnet: einen erwachsenen Mann mit Spitzbart und Brille. Und der sah mir als 60-Jährigem sogar überraschend ähnlich.

 

Bei der Gaststätte „Brucker Bräustübla“ oder „dem Adler“ (Name der Pächterfamilie) handelte es sich um eine weitere Institution in unserer Nähe. Wir gingen dorthin nie zum Essen, denn das war damals allgemein nicht üblich und höchstens ganz reichen Leuten vorbehalten. Aber zu Weihnachten gab es dort geschlachtete Karpfen, die man holen und zu Hause zubereiten konnte. Mein Vater kannte den Weihnachtskarpfen schon aus seiner Kindheit in Marktredwitz und nützte dieses Angebot fast jedes Jahr.

Heute befindet sich im Haus des ehemaligen „Bräustübla“ das italienische Restaurant „Pane e Vino“.

 

In den ersten Jahren nach unserem Hausbezug bekamen wir Besuch aus den USA. Bei dem Besucher handelte es sich um Fred Thiele, den Mann der Schwester Lisette meines Großvaters. Die 1896 geborenen Lisette war 1930 in die USA ausgewandert und hatte 1932 den deutschstämmigen Fred geheiratet. Wie ich ebenfalls erst später aus frei verfügbaren US-Unterlagen im Internet herausfand, war sie schon im Dezember 1953 am Wohnort der beiden gestorben: in Bellwood, Cook County in Illinois, ganz in der Nähe von Chikago. Aus der Zeit mit den Großeltern im neuen Haus kann ich mich an die immer mal wieder eintreffenden hellblauen Luftpost-Briefkuverts aus dünnem Papier mit rot-blauen Rauten entlang der Ränder erinnern. Von Gesprächen über meine Großtante oder ihren Mann ist aber nichts hängengeblieben. Dieser Fred Thiele besuchte uns jedenfalls im Rahmen einer Reise zu seinen engeren Verwandten in Deutschland. Den Unterlagen zufolge ist er 1970 gestorben.

 

Mein Onkel Werner Schnepf, der Bruder meiner Mutter, gerade mal acht Jahre älter als ich, wanderte Ende der 1950er Jahre nach Australien aus. Wie wir einige Jahre später erfuhren, hatte er dort wohl nicht in seinem Beruf als Sanitärinstallateur gearbeitet, sondern war unter anderem Schlangenfänger gewesen. Nach einigen Jahren in Australien fuhr er als Maschinist auf Trampdampfern einer norwegischen Reederei um die Welt. Bei seinem ersten Besuch in der alten Heimat brachte er jede Menge Münzen aus unterschiedlichsten Ländern und einen kleinen ausgestopften Kaiman mit.

 

März/April 1962 war ich drei Wochen mit einer Kindergruppe zu einem Erholungsaufenthalt im Kinderheim Stadlerlehen auf dem Untersalzberg oberhalb von Berchtesgaden. Dabei handelte es sich um eine soziale Leistung der Siemens-Reiniger-Werke, wo meine Mutter arbeitete, für Kinder von Werksangehörigen.

Wie es mir dort ergangen ist, habe ich in der Episode „Die große Knappenprüfung“ zusammengestellt

 

Weil ich wegen der von einer Lehrerin angeführten Rechenschwäche nicht aufs Gymnasium gekommen war, andererseits aber meine sonst sehr guten Noten doch für den Besuch einer weiterführenden Schule sprachen, begann im Herbst 1961 ein zweijähriger Doppel-Unterricht. Einerseits besuchte ich weiterhin die Volksschule in Bruck – und daneben musste ich dreimal wöchentlich zum Unterricht im neu eingerichteten „Aufbauzug der Erlanger Volksschulen“ zentral einer anderen Schule in Erlangen. In der Stadt gab es damals noch keine Real- oder Mittelschule. Also hatte man sich einfach diese Doppelbelastung für die Schüler ausgedacht. In den ersten beiden Jahren hatten wir zweimal wochentags an Nachmittagen und zusätzlich samstags am Vormittag Unterricht. Im ersten Jahr an der Loschgeschule in der Nähe des Erlanger Universitäts-Klinikviertels und im zweiten Jahr an der Poeschkeschule in der Sebaldussiedlung im Stadtsüden. Zur Loschgeschule fuhren wir mit dem Bus und zur näher gelegenen Poeschkeschule meist mit dem Fahrrad.

In den folgenden zwei Schuljahren erhielten wir regulären Vollzeitunterricht an der Adalbert-Stifter-Schule in Erlangen-Sieglitzhof.

 

Etwa im Alter von 13 oder 14, ich schlief noch auf dem Sofa im Wohnzimmer meiner Großeltern, erwachte ich eines Nachts: Unten bei meinem Penis spürte ich etwas Unangenehmes, Feuchtes, Klebriges in der Schlafanzughose!!! Wie war das denn vor sich gegangen? Ich war total verunsichert, schämte mich wegen dieser „Sauerei“ und schlich mich schnell aufs Klo, um das Zeug so gut es ging zu entfernen. Von der Pubertät und spontanen Samenergüssen hatte ich noch nie etwas erfahren. In der Pädagogik kam die pubertäre Entwicklungsphase überhaupt nicht vor. Und Sexualaufklärung war damals noch völlig unbekannt. Weder bei meinen Eltern noch in der Schule. Die Eltern oder irgendwelche andere Erwachsene bekam man auch nie nackt zu sehen. Das Thema galt als heikel und war tabu.

Umso radikaler, schockierender und aufreizender empfand die Masse der verkrampften Deutschen dann die ab 1962 aus Großbritannien herüberschwappende Minirockmode, die Verbreitung der Antibaby-Pille und die in der Folge bis in die 1970er Jahre öffentlich betriebene Sexualaufklärung über Kinofilme und Magazine.

 

Im schneereichen, eisig-kalten und lang anhaltenden Winter 1962/63 bekam ich beim Fahrradfahren zur Schule starke Erfrierungen an den Ohren und Zehen. Ich hatte keine Mütze auf, und auch die damaligen Schuhe waren wohl nicht wirklich wintertauglich. Alles begann mit Brennen und Schmerzen, an den Zehengelenken entstanden dicke rote Beulen, die Ohren verfärbten sich dunkelrot und schwollen auf das dreifache Volumen an. Vom Arzt gab es eine Salbe und den Ratschlag, ein Kopftuch zu tragen.

So kam ich dann am nächsten Tag in die Schule, wo der Oberhänsler Peter St. der Klasse prompt und unüberhörbar mitteilte, dass der "Klässi" nun als "Oma" angekommen war. Da bekam ich gleich die volle Aufmerksamkeit von allen - und großes Gelächter bewies wieder einmal, das der für den Spott nicht zu sorgen braucht, der sowieso schon den Schaden hat... Wenige Tage später waren meine ohnehin etwas großen und abstehenden Ohren Gottseidank wieder abgeschwollen. Die Frostbeulen an den Zehen aber blieben mir erhalten. Im Winter 1969/70 bei der Bundeswehr kamen sogar noch einige dazu.    

 

Zeitgeschichtliche Ereignisse, Bedrohungen und Umbrüche Anfang der 1960er Jahre:

 

1960 wird die Stadt Agadir in Morokko von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht: man zählte etwa 15 000 Tote, die Stadt ist komplett zerstört.

Im April 1961 unternehmen die Sowjets den ersten Raumflug mit Kosmonaut Juri Gagarin. 1957 brachten sie den ersten Satelliten „Sputnik“ in eine Erdumlaufbahn. Der Raumflug von Menschen wird mit Tieren wie der Hündin Laika vorbereitet.

Im August 1961 baut die DDR eine Mauer in Berlin und danach auch Grenzbefestigungen durch Deutschland. Die Grenze wird bald als "Eiserner Vorhang" bezeichnet, an dem sich der Ostblock und die Freie Welt bis an die Zähne bewaffnet gegenüberstehen. In ihrem Ringen um Einfluss in der Welt kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen und zum atomaren Wettrüsten: dem Kalten Krieg.

1961 scheitert die von den USA unterstützte Invasion in der Schweinebucht auf Kuba, die das Ziel hatte, das 1959 etablierte kommunistische Regime unter Fidel Castro durch Militärgewalt wieder abzusetzen. 

Kuba-Krise 1962: Die Sowjetunion antwortet auf die Stationierung amerikanischer Raketen in der Türkei durch Truppenverlegung von 40 000 Mann und Stationierung von Mittelstreckenraketen auf Kuba. In einem Zeitraum von etwa 14 Tagen im Oktober 1962 können UdSSR und USA den Ausbruch des Dritten Weltkriegs in der Karibik gerade noch verhindern.

Das grundlegende Raketen-Know-how für die schnelle Entwicklung der zivilen Raumfahrt und ebenso für militärische Einsätze sicherten sich Amerikaner und Russen dadurch, dass sie völlig ohne Moral deutsche Fachwissenschaftler anwarben, die vorher in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde Hitlers Massenvernichtungswaffen V1 und V2 entwickelt hatten.

Im Februar 1962 führt eine Sturmflut in der Nordsee zum Bruch von Deichen an der Elbe, so dass Teile Hamburgs überschwemmt werden und rund 350 Menschen sterben. Der damalige Innensenator Helmut Schmidt bewährt sich dabei als Katastrophenmanager und empfiehlt sich so für seine weitere politische Karriere auf Bundesebene bis zur Kanzlerschaft.

 

In den 60ern entlassen Belgien, Portugal, Frankreich und Großbritannien ehemaligen Kolonien in die Unabhängigkeit. Daraus ergeben sich bald neue Konflikte und Bürgerkriege, an denen wiederum europäische und deutsche Söldner beteiligt sind. Im ehemaligen belgischen Kongo wird im Juni 1960 Patrice Lumumba erster Ministerpräsident des neuen unabhängigen Staats, aber im Jahr 1961 schon ermordet.

Nach dem Algerienkrieg der Franzosen von 1954 bis 1962 führen Ben Bella und Boumedienne das Land in einen arabischen Sozialimus nach dem Vorbild Ägyptens unter Gamal Abdel Nasser. 1963 gründet sich in Syrien und im Irak die "Sozialistische Partei der arabischen Wiedergeburt" (Baath). In der Folge entstehen bis Ende der 1960er Jahre im Libanon, im Sudan und in Libyen sozialistische Partein und Staatsformen.

Für die Sowjetunion ergibt sich daraus eine neue Einflußsphäre in Afrika und im Nahen Osten, die sich vor allem auf Militärberater und Waffenlieferungen gründet. Für die Vereinigten Staaten, die Nato und die westlichen Demokratien entstehen große weltpolitische Herausforderungen und ein differenziertes Eskalationsbild des Kalten Kriegs.   

Ab 1964 entwickelt sich der Vietnamkrieg aus einem von der US-Regierung unter Lyndon B. Johnson erfundenen Angriff nordvietnamesischer Schnellboote auf amerikanische Kriegsschiffe im Golf von Tonkin. Das Land war nach dem Sieg chinesischer Interventionstruppen im Koreakrieg gegen die USA 1953 und nach der Niederlage der Franzosen im Indochinakrieg bei Dien Bien Phu 1954 am 17. Breitengrad geteilt worden.

Die USA etablierten Ngo Dinh Diem im Süden gegen den kommunistischen Norden und dessen Führer Ho Chi Minh. 1964 wurde die Zahl der sogenannten Militärberater im Süden auf 16000 erhöht.

 

Die kommunistische "Volksrepublik China" unter Moa Tse Tung entstand erst 1949, nachdem die Kuomintang unter Maos Konkurrent Chiang Kai-shek auf die Insel Taiwan (damals noch "Formosa" genannt) geflohen waren und die "Republik China" ausgerufen hatten. Maos sogenannte Entwicklungprogramme führen das bitterarme und überwiegend kleinbäuerlich-landwirtschaftlich strukturierte Riesenreich immer tiefer ins Elend. Abermillionen Menschen verhungern, werden verfolgt und getötet. Trauriger Höhepunkt: die "Kulturrevolution" von 1966. Außenpolitisch war China damals allenfalls eine Regionalmacht.

 

Wegen fehlender Arbeitskräfte und eines starken Wirtschaftswachstums werben Deutsche Regierung und Wirtschaft sogenannte Gastarbeiter in Spanien, Portugal, Italien, Griechenland und der Türkei an und verteilen sie im Land. Man geht davon aus, dass diese Menschen, vorwiegend Männer, das Land wieder verlassen, wenn das Arbeitsangebot zurückgeht. Diese Rechnung geht nur teilweise auf. Viele holen Ihre Familien nach. Damals wird die 45-Stunden-Arbeitswoche eingeführt.

 

Im Sommer 1963 besucht U.S.-Präsident John F. Kennedy Berlin und sagt in einer Rede vor der Mauer in deutscher Sprache: „Ich bin ein Berliner“. Im Herbst dieses Jahres wird er während einer Fahrt im offenen Auto durch Houston erschossen.

 

Seit den Nürnberger Prozessen 1945/46 sind keine weiteren NS-Täter mehr abgeurteilt worden. In Israel beginnt 1961 der Prozess gegen Adolf Eichmann, den Hauptorganisator der Ermordung von sechs Millionen Juden in Europa. Die Hinrichtung folgt 1962. Ein Team des Israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad hatte Eichmann in Argentinien entdeckt und entführt.

In Deutschland kommt es von 1963 bis 1965 zum Prozess gegen Vollstrecker des Vernichtungslagers Auschwitz. Der Auschwitz-Prozess in Frankfurt geht auf die Initiative des jüdischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer zurück. Bauer muss sich gegen starken Widerstand durchsetzen und geht daran zugrunde. Eine Mehrheit in der Bevölkerung will mit der Nazi-Vergangenheit nichts mehr zu tun haben und verdrängt eigene Schuld. Die sogenannten Wiedergutmachungszahlungen werden sehr kritisch gesehen. Seit den 1950er Jahren sind ehemalige gewissenlose Nazirichter und einstige Schreibtischtäter als hohe Staats- und Verwaltungsbeamte wieder in Amt und Würden. Der Auschwitz-Prozess hat fast Alibi-Charakter. Er dient dazu, die Verfolgung weiterer Täter gar nicht erst zu beginnen.

 

All das bekamen wir über die Nachrichtensendungen im Radio und im Fernsehen mit. Uns Kinder und Jugendliche hat aber eigentlich nur die Ermordung Präsident Kenndys wirklich tiefer bewegt und getroffen.

 

Im Fersehen liefen damals vorwiegend lippen-synchron übersetzte amerikanische Krimi- und Western-Serien wie 77 Sunset Strip und Bonanza. Bei uns besonders beliebt war eine Serie über den Berufsalltag zweier US-Polizisten, die in ihrem Streifenwagen in New York unterwegs waren. "Zwei Cops in New York": ein langer Dünner und ein kleinerer Dicklicher, der häufig "AchdumeinliebermeinVater" zu sagen pflegte.

 

Mein Schulweg nach Bruck zur Sandbergschule führte entlang des alten Kanals, dessen Trasse damals gerade zum Frankenschnellweg umgebaut wurde. Dabei zeigte sich immer wieder mal ausgebaggerter Kriegsschrott.

Zu dieser Zeit hatte ich ein kleines japanisches Transistor-Taschenradio bekommen - und das war immer mit dabei. Die verfügbaren Wellenbereiche waren schnell nach lohnenden Musiksendern abgesucht. Radio Luxemburg mit seinem DJ Frank Elstner hatte bei uns meist einen sehr schlechten Empfang. Noch schlechter war es mit dem ab 1964 auf Mittelwelle außerhalb der Drei-Meilen-Zone vor der englischen Küste auf einem Schiff sendenden "Radio Caroline". Dagegen kamen die nahe liegenden amerikanischen Soldatensender AFN Nürnberg und München auf UKW natürlich sehr viel besser herein. Also hörte ich meistens AFN Nuremberg. Dort kam alles, was in den USA gern gehört wurde: von Folk und Country and Western plus Gospels und Spirituals bis Rock und Pop. Es gab aber auch regelmäßig eine Spezialsendung mit Volksmusik für deutschstämmige US-Bürger. Die hieß "Sing along with Mitch", und darin spielte das Orchester Mitch Miller Titel wie z.B. "Oh du schöne Schnitzelbank". In der Vorweihnachtszeit hörte ich auf AFN zum ersten Mal das Lied „Little Drummer Boy", das mich emotional sehr ansprach und zum Ohrwurm wurde: ein armer Hirtenjunge kann dem neugeborenen Christuskind nur sein Spiel auf der Trommel zum Geschenk machen - und bekommt als Dank dafür ein strahlendes Lachen...    

Gerade Anfang der 60er begann eine Hoch-Zeit populärer englischsprachiger Musik mit einer Vielzahl von Stilformen und dem Durchbruch von Rock'n Roll und Beat. Aus Amerika kamen außerdem neue sogenannte Protestsongs und die Lieder der Bürgerrechtsbewegung mit Interpreten wie Bob Dylon, Joan Baez und Pete Seger. Von der Öffentlichkeit in Deutschland zunächst unbemerkt, hatte sich in England eine Band gegründet, die teils US-Songs neu interpretierte, aber auch völlig neuartige Musikstücke komponierte, die von der Jugend bald als Ausdruck einer eigenen Gefühlswelt und des Zeitgeists angesehen und heiß geliebt werden sollten: die Beatles. Dabei hatte die Band bereits von August bis November 1960 über 100 Auftritte in Hamburg absolviert. 1962 spielten sie im April, im Mai und im Dezember im Star Club Hamburg.

Hier einige Songbeispiele der Beatles aus den Jahren 1962/63: Roll over Beethoven, Hippy, hippy Shake, Dizzy Miss Lizzy, Please Mr. Postman, Words of Love; From me to you, I saw her standing there, All my loving, She loves you, I want to hold your hand, Twist and shout.

 

In meiner Anfangs noch reichlicher vorhandenen Freizeit unternahm ich mit einer kleinen Gruppe anderer Jungs gelegentlich auch Forschungs-Streifzüge in das Wald- und Sumpfgebiet der Tennenloher Lache und bis zum Panzer-Schießplatz der US Army jenseits der B2. Dabei waren einige von uns auch mit ausgemusterter Militärausrüstung der US-Army kostümiert. Damals konnte man erstmals über den Versandhandel US-Zelte, -Essgeschirr, -Trinkflaschen und beispielsweise auch Stahlhelme und Munitionsgurte erwerben. Dieselbe Firma aus Hildesheim bot aber auch deutsche Pfadfindermesser an. In der Lache faszinierten uns vor allem die Sumpftümpel mit ihrem schwarzen Wasser und den aufsteigenden Gasblasen. Am Rand des Schießplatzes trafen wir gelegentlich Soldaten, die dort gerade Pause machten und uns etwas von ihren Verpflegungsrationen abgaben.

In dieser Zeit hat es allerdings auch Kämpfe mit Jungen aus der Nachbarschaft gegeben. Warum es dazu kam, weiß ich heute nicht mehr. Umso präsenter aber sind mir die Tatsachen, dass ich einen Holzspeer an der lnnenseite des linken Oberarms stecken hatte - und dass ich einen der Gegner mit einem Steinwurf auf die Kniescheibe kampfunfähig machte. Seltsamerweise brachte mir das aber kein Siegergefühl ein, sondern nur ein schlechtes Gewissen - und die Angst, dass ich den anderen ernsthaft verletzt haben könnte... 

 

Zur schulischen Doppelbelastung kamen ab 1962 die kirchlichen Drillstunden der Präparanden- und Konfirmanden-Unterrichte mit der obligatorischen Besuchspflicht der Sonntagsgottesdienste, wo man in den ersten Bankreihen sitzen musste und von den erwachsenen Anwesenden kritisch beäugt wurde. Durch Einträge in einen Ausweis mussten die Gottesdienstbesuche nachgewiesen werden. Damit begann auch ein sinnloses Auswendiglernen und Abfragen von kirchlichem Wissen: die Namen sämtlicher Propheten, ellenlange Katechismustexte in weltfremd-altertümlichem Deutsch, die Leier verschiedener Glaubensbekenntnisse... Der Gemeindepfarrer zu dieser Zeit war auch unser Religionlehrer. Eine große, wuchtige Person mit meist rot angelaufenem Kopf und einer feuchten Aussprache - noch dazu ehemaliger Militärgeistlicher der Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs, der den Rußlandfeldzug mitgemacht hatte.. Und zu allem Überfluss gab es dann auch noch die Konfirmandenprüfung, die meiner Erinnerung nach vor der versammelter Kirchengemeinde stattfand. Unschöne, abstoßende Begleiterscheinungen, als überholt und umodern empfundene Liturgie. Kirchenlieder aus dem späten Mittelalter. Diese Kirchenpraxis stößt ab!!!

 

Sonntags-Spaziergänge mit Opa nach Tennenlohe (Frühschoppen im „Alten Schloss“ vor dem Mittagessen daheim) und längere Ausflüge zu zweit nach Rathsberg. Übereinstimmung in vielen Fragen - auch politisch (SPD). Mein Vater ging immer in Opposition und verteidigte Franz-Josef Strauß.

 

Mein Großvater spielte Schach und war ein beliebter Spielpartner. Hatte regelmäßig Besuch von Physiker Ortenburger, der im Siemens-Forschungszentrum arbeitete. (Schwiegersohn der Bauernfamilie Rohmer in Bruck). Wollte mir immer das Schachspiel beibringen, aber ich hatte keine Geduld dafür. Dafür aber Dame mit ihm gespielt.

Opa fuhr mit Fahrrad zu seiner alten Arbeitsstelle in Erlangen, der Maschinenfabrik Fritz Feder in der Nägelsbachstraße.

Häufige Besuche der Verwandten und Bekannten der Großeltern (vor allem Schaffer) an den Wochenenden sorgten für Unmut zwischen meiner Mutter und der Großmutter. Meine Mutter ärgerte sich darüber, dass es keine Ruhe mehr gab und dass die Besucher im Sommer den Garten okkupierten.

Diese Situation führte zu Streit und zur weiteren Verschlechterung der Ehe meiner Eltern bei. Mein Vater wollte es wahrscheinlich allen recht machen und vertrat die Interessen meiner Mutter offenbar nicht ausreichend gegenüber seinen gegen Eltern. Darauf reagierte meine Mutter impulsiv, setzte ihn immer wieder unter Druck und war enttäuscht, dass er sie in der Auseinandersetzung mit den Großeltern alleine ließ.

Bei meinem Vater dürfte daraufhin der ohnehin bereits problematische Alkoholkonsum weiter gestiegen sein. Dass er dadurch gewalttätig werden konnte, erfuhr ich selbst erstmals etwa im Alter von 13 oder 14.

Zelten im Garten (erste Alkoholauswirkungen bei Vater: Ohrfeige, weil geraucht).

 

1963: Mit den Fahrrädern auf die Luisenburg bei Wunsiedel im Fichtelgebirge, ca. 140 km, mit Rainer und Cousin Jürgen, wo wir eigentliche ein Woche bleiben wollten. Übernachten im Zelt auf einer Hangschräge, Starkregen und Überschwemmung, alles durchnässt. Besuch von Anästhesieärztin Inge Ochs. Kinobesuch in Marktredwitz und längere Aufwärm-Aufenthalte in Campingplatz-Gaststätte: Flippern und Kickern. Nach zwei oder drei Tagen Rückfahrt mit dem Zug ab Marktredwitz.

 

Muttermal auf Stirn: gezeichnet, weitere Entwicklung.

 

Essstörung: Aussage "Dicker" von Lehrer, daraufhin kein Fleisch mehr gegessen (ins Klo gespuckt), Abmagern (Bild) Gewicht 65 kg bei 1,83 m Größe

 

Boxsport mit Sandsack im Keller, Spaziergänge alleine im Wald, Verhaftung durch Polizei.

 

1964/65 immer nur mit dem Fahrrad zur neuen Schule - bis Sieglitzhof, am Gelände der US-Panzerkaserne mit der angrenzenden Schule und dem Kindergarten vorbei, Unterhaltungen mit Wachposten.

Tag der offenen Tür in der Kaserne: große Faszination durch völlig neuartige Gerüche, ausgestellte Panzer und Fahrzeuge sowie die Lebenswelt der Soldaten.

 

Erster Supermarkt in der weiteren Umgebung: bei Autobahnbrücke an der B2 vor Eltersdorf. Völlig neuartige Einkaufsform und ungewöhnte Einkaufswagen.

 

Brieffreundschaften mit Mädchen in Südafrika und Jungen in den USA (Tom Steiner, Pfadfinder, Trompetenspieler), angeregt durch Englisch-Lehrerin Beitinger und vermittelt über die Jugend-Zeitschrift „New Junior World & Press“.

 

Schießen mit dem Flobert-Gewehr und "Vogeldunst", Luftdruckgewehr

 

Urlaube mit Eltern/ Busreisen Neukam-Römming:

Neustift im Stubaital, Gschnitz im Gschnitztal (Fotos), Ötztal/ Erlanger Hütte,

Erste Mädchenbekanntschaft/ Tanzen im Lokal, Name vergessen aus Wuppertal-Elberfeld, später Cornelia Mahn aus Bad-Vilbel.

 

1964: Ferienarbeit im Hörgerätewerk von Siemens, wo meine Mutter arbeitete.

 

Reise mit Großeltern zum KZ Flossenbürg und nach Pleystein an die Tschechische Grenze, wo ein Bruder meiner Großmutter lebte. Fahrt mit dem Dampfzug auf Hauptstrecke und Weiterfahrt mit rotem Schienenbus.

 

1965: Ferienarbeit bei erstem Rewe-Supermarkt in Bruck, Filialleiter hätte mich gerne als Lehrling und als seinen späteren Stellvertreter. Teilweise noch mit Bedienung, Abwiegen von Obst und Gemüse und Metzgerei im Laden. Vorher schon Supermarkt-Premiere in Eltersdorf an der Autobahn. Einkaufswagen und Selbstbedienung,

 

1965: mit Kreisjugendring nach Glasgow, 1964 schon Gruppe aus Glasgow in Erlangen/ Jugendzentrum Frankenhof. Freundinnen Linda (dick) und Dorothy (hübsch, rothaarig, Sommersprossen)

 

Herbst 1965: Beginn meiner kaufmännischen Lehre bei den Siemens-Reiniger-Werken in Erlangen. Vorher umfangreiche Aufnahmeprüfung einschließlich Gespräch mit Psychologen. Kauf eines Pierre-Cardin-Anzugs, Fischgrätstoff, Zweireiher, weil Anzugs-Kleiderordnung galt.

 

Neue Freunde: Peter Düthorn, Winnfried Gardner. Lehrlings-Kollegen und Perspektiven der Siemens-Ausbildung.