Orientierung, Identität und Verantwortung aus dem Wissen über das historische Erbe...

Mit freundlicher Genehmigung des Bayerischen Staatsarchivs Nürnberg, Rep. 58 Nr. 230
Mit freundlicher Genehmigung des Bayerischen Staatsarchivs Nürnberg, Rep. 58 Nr. 230

Das Bild oben zeigt die Gemarkung Henfenfeld auf einer Karte des Kartographen und Landvermessers Paul Pfinzing aus dem Jahr 1584. Diese Art der perspektivisch-plastischen Landschaftsdarstellung war im 16. Jahrhundert erst entstanden und für damalige Verhältnisse revolutionär. Eine weitere Besonderheit ist die "Südung": Auf dem Kartenblatt ist nicht - wie später üblich geworden - die Himmelsrichtung Norden oben, sondern Süden!

Paul Pfinzing stammte aus einer reichen Nürnberger Patrizierfamilie. 1530 hatte Pauls Großvater Martin I Pfinzing die Burg Henfenfeld und weiteren Besitz am Ort von den Egloffstein erworben.  

Karten wie diese sind sehr selten. Sie stellen einzigartige geografisch-landeskundliche Archive dar, aus denen Geschichtsinteressierte, Heimatforscher und Archäologen wertvolle Informationen gewinnen können. Ablesbar sind z.B. die alte Gelände-Topografie sowie die Flur-, Berg- und Gewässernamen von damals. Dazu die Siedlungsformen, markante Gebäude, Wegeverläufe und heute verschwundene Charakteristika in der Landschaft. All das kann vergleichend bewertet werden und zu neuen Erkenntnissen führen. Oder die Kartenaussagen liefern Ergänzungsinformationen zu anderen bereits bekannten Fakten.

Als Beitrag zum Henfenfelder Kinder-Ferienprogramm 2010 habe ich ein Gelände-Suchspiel konzipiert, das "Geschichte und Altertumskunde als Abenteuer" erlebbar macht. Das abgebildet Pfinzing-Blatt war die Suchkarte des Spiels. Gleichzeitig diente es als Titelseite eines 23-seitigen Begleithefts zur Aktion, das alle Kinder erhielten.

Einen derart spannenden kombinierten Geschichts- und Heimatkundeunterricht hätte ich mir als Schulkind selbst gewünscht. Über die Erdgeschichte und Geologie, die Naturdenkmale sowie die Kulturgeschichte und die Altertumskunde unserer Region haben wir im Schulunterricht gar nichts erfahren. Im Fach Geschichte wurde damals ein Übermaß an Wissensstoff der deutschen Geschichte vermittelt, das selbst sehr interessierte Schüler wie mich überforderte. Die Lehrbücher waren dazu noch in einem Historiker-Kauderwelsch verfasst, das einem den Spaß am Fach schnell verderben konnte.

Damals wie heute kann sich ein vollständiges, anschauliches Geschichtsbild aber nur dann ergeben, wenn die Schüler nicht nur über die Hinterlassenschaften der antiken Hochkulturen Bescheid wissen, sondern auch die Funde, Spuren, Bau- und Bodendenkmale an ihrem Wohnort und in der Region kennen. Schließlich ist bei uns das Erbe der vergangenen Menschheitsgenerationen bis weit zurück in die steinzeitliche Vorgeschichte überall noch erhalten. Das Wissen darüber könnte sowohl Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene zu einem neuen Heimatbewusstsein führen - aus dem sich wiederum Orientierung, Identität und Verantwortung für die heimische Natur und Kultur ergeben.

Nach und nach verschwindet die Erbmasse...

Rekonstruiertes bronzezeitliches Vorratsgefäß
Rekonstruiertes bronzezeitliches Vorratsgefäß
Scherben mehrerer vorgeschichtlicher Gefäße
Scherben mehrerer vorgeschichtlicher Gefäße

Wird aber der Kulturschatz - das Vermächtnis der Vorfahren - kaum überliefert und ist weitgehend unbekannt, dann kann sich in der Bevölkerung auch kein Bewusstsein für diese Werte entwickeln.

So gehen aus Unkenntnis, Gedankenlosigkeit und Egoismus viele "Erbstücke" für zukünftige Generationen verloren. Auf landwirtschaftlich genutzten Flächen zerstört der Pflug sowohl die offiziell bekannten als auch die noch unentdeckten Bodendenkmale und Artefakte vergangener Epochen. Auf anderen Flächen in Wald und Flur sind mehr oder weniger heimlich illegale "Schatzsucher" mit archäologischem Halbwissen unterwegs, die es auf vermeintlich wertvolle Metallgegenstände im Boden abgesehen haben. Jeder Fund wird ausgegraben, mitgenommen, verkauft oder der eigenen "Geheimsammlung" einverleibt. Auf diese Weise verschwinden oft vor- und frühgeschichtliche Bestandteile der Totentracht und Grabbeigaben. In der Erde bleiben dann die weniger attraktiv erscheinenden Reste wie Tongefäße oder Artefakte aus Stein. Dabei zerstört oder verändert der habgierige Amateur-Ausgräber meist auch die Fundlage.

Für weitere große Verluste der Erbmasse sorgen schließlich die vielen Bodenabtragungen und Erdaushübe auf diversen Baustellen. Bei Pflasterarbeiten, beim Verlegen von Leitungen, beim Kanal- und Tiefbau, im Industrie-, Gewerbe- und Wohnbau - innerorts und in Industrie- und Siedlungsgebieten an den Ortsrändern. Weil schon in der Bronzezeit um 2000 vor Christus eine ähnliche Siedlungsdichte wie heute erreicht war und die Menschen über Jahrtausende hinweg immer wieder bereits vorher besiedelte oder begangene Flächen nutzten, ist bei uns bei jeder größeren Baumaßnahme potenziell mit archäologischen Funden aus allen Geschichtsepochen zu rechnen. Also müssten sowohl die Baugruben als auch der Erdaushub von Fachleuten wenigstens stichprobenartig überprüft werden. Schätzungsweise in über 90 Prozent aller Fälle aber findet das überhaupt nicht statt. Lediglich bei Bauvorhaben auf bekanntem oder potenziellem Fundgelände ist eine Kontrolle durch die Untere Denkmalschutzbehörde im Landratsamt vorgesehen. Die Arbeit selbst müsste der Kreisheimatpfleger übernehmen...

Meine praktischen Erfahrungen sehen so aus, dass der Kreisheimatpfleger im Lauf von fünf Jahren nur ein Mal hierher gekommen war, obwohl ich ihn laufend über immer neue Funde informiert hatte. So weit ich weiß, hat er in dieser Zeit schon gar keine Baustelle am Ort inspiziert. Dabei wurde hier ständig Mutterboden ausgehoben und anschließend meist sogar abtransportiert. Weil Bauern öfter solche Erdladungen zur Bodenverbesserung oder zum Niveauauffüllen ihrer Felder übernehmen, werden so auch Artefakte vom Originalfundort entfernt und auf Äckern verteilt, die keine Relikte aus der Vergangenheit enthalten. Die Altertumskunde ist damit gleich zweimal angeschmiert: einerseits ist das Wissen über den Originalfundort  verloren - andererseits ergeben die Artefakte auf dem Fremdgelände ein falsches Bild, selbst wenn sie gefunden werden sollten, bevor die Bodenbearbeitungsmaschinen ihr Vernichtungswerk beendet haben: Gefäße und Gefäßteile zerbrechen zu Scherben, werden bei jedem Arbeitsgang immer kleiner und zerfallen schließlich zu Bröseln und Staub... 

Mein Zugang zur Materie

Kaiser Friedrich der Erste (Barbarossa) nach einem Bild von Christian Siedentopf von 1847
Kaiser Friedrich der Erste (Barbarossa) nach einem Bild von Christian Siedentopf von 1847
Die Bildergeschichten des Prinz Eisenherz (Prince Valiant)  stammen von Harold R. Foster. Die Handlung spielt im Normannischen England des 11. Jahrhunderts  - obwohl im Titel stand: " In den Tagen von König Arthur"
Die Bildergeschichten des Prinz Eisenherz (Prince Valiant) stammen von Harold R. Foster. Die Handlung spielt im Normannischen England des 11. Jahrhunderts - obwohl im Titel stand: " In den Tagen von König Arthur"

Zu einer intensiveren Beschäftigung mit dem Themenbereich Geschichte bin ich nach und nach erst im Lauf von Jahrzehnten gekommen. Als abenteuerlustiger, geschichtsinteressierter Schüler hatten mich im Unterreicht einige Personen und Episoden der großen Geschichte angesprochen und meine Phantasie beflügelt. Zum Beispiel Friedrich Barbarossa und dessen tragischer Tod während des Dritten Kreuzzugs in Kleinasien. Ludwig Uhlands Gedicht über "Kaiser Rotbart lobesam", der einen feindlichen Seldschuken mit einem einzigen Schwerthieb spaltet und links und rechts des Sattels niedersinken lässt, entsprach ganz der lebendigen Geschichtsdarstellung nach dem Geschmack zehnjähriger Buben. In unserer Freizeit lasen wir die schmalen Heftchen mit den Bildergeschichten über "Prinz Eisenherz" und den edlen Ritter "Sigurd". Ausgerüstet mit dem runden Holzdeckel des Plumpsklos als Schild und einem selbst gebastelten Holzschwert stürzte ich mich in die teils schmerzhaften Abenteuer des Nachspielens diverser "angelesener" Abenteuer. Für mein vielseitiges, in der Schule kaum befriedigtes Geschichtsinteresse gab es dann noch Stoff aus der Jugendliteratur und der Archäologie. So etwa Daniel Defoes "Robinson Crusoe", Robert Louis Stevensons "Die Schatzinsel", James Fenimore Coopers "Lederstrumpf" und C. W. Cerams "Götter, Gräber und Gelehrte". Später dann Werke wie Felix Dahns "Kampf um Rom" oder Grimmelshausens "Die Abenteuer des Simplicius Simplicissimus"... Mein Wissensdurst reichte damals schon bis in die undokumentierte "graue Vorzeit" - aber Schule, Beruf und dann die Familie hielten mich über längere Zeit anderweitig beschäftigt und abgelenkt.  

Der erste tiefere Zugang zur Heimatgeschichte ergab sich erst ab 1980 aus den Recherchen für die Familien- und Abstammungsforschung. Dabei entstand der Wunsch immer noch mehr erfahren zu wollen aus immer neuen Entdeckungen: regionale Auswirkungen deutscher Herrschaftsgeschichte; Lebensdaten und Schicksale der eigenen Vorfahren in bestimmten Epochen; Bezüge zu bestimmten Menschen, Orten und Gebäuden; archäologische Funde... Auf diese Weise lernte ich auch die kirchlichen Aufzeichnungen kennen, das staatliche Archiv- und Bibliothekswesen, die Museumslandschaft, die einschlägigen wissenschaftlichen Fakultäten, die Fachliteratur und die verfügbaren historischen Quellen. 

Auffällige Bodenformation im Wald
Auffällige Bodenformation im Wald
Rund 3000 Jahre alte Töpferspuren
Rund 3000 Jahre alte Töpferspuren

Das Betätigungsfeld Archäologie hat sich mir im besten Wortsinn erst durch Entdeckungen in Feld, Flur und Wald an unserem neuen Wohnort Henfenfeld ab 2006 erschlossen. Aber auch das war ein Entwicklungsprozess. Ich nutzte die täglichen Spaziergänge mit dem Hund zur Entdeckung von Landschaft und Natur der neuen Heimat rund um den Ort und in der Region. Dabei stieß ich entlang der Wege und im Gelände immer wieder auf so manche Merkwürdigkeiten, die ich mir zunächst nicht erklären konnte. Schließlich fand ich nach und nach namhafte Experten, die Fragen beantworteten, Phänomene erklärten und die ersten Funde begutachteten. Aus diesem Kreis kam auch der Hinweis auf das Modellprojekt "Archäologie und Ehrenamt" des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. Damit hatte die Behörde unter anderem zwei wissenschaftliche Mitarbeiter zur Betreuung der zahlreichen engagierten Hobby-Archäologen im Land eingesetzt.

So anerkannte das BLfD die wertvollen Beiträge zur Geschichts- und Altertumsforschung, die enthusiastische Laien mit regelmäßigen, systematischen Gelände- und Feldbegehungen überall im Land leisten. Gleichzeitig machte man aus der Not der eigenen staatlich verordneten "Spar- und Rumpforganisation" eine Tugend. Der für Nordbayern zuständige Archäologe Dr. Ralf Obst war nun mein ständiger, kompetenter Ansprechpartner.

Die Integration der Laienarbeit in das Tätigkeitsspektrum des Amts hat sich inzwischen gut bewährt. Landesweit weist das Bodendenkmal-Inventar nun schon sehr viel weniger fundleere Stellen auf. Hier vor Ort sind als Ergebnis meiner Aktivitäten allein um die 60 Fundmeldungen innerhalb von nur zwei Jahren entstanden, die teils überraschend neue Erkenntnisse erbrachten - nach beinahe 40 Jahren absolutem Stillstand in der Prospektion!

Für mich kommt die Motivation zum Weitermachen aus den einzigartigen Gefühlserlebnissen, die etliche frisch entdeckte Artefakte vermitteln. Zum Beispiel, wenn man die Finger-Spurrillen auf einer Gefäßscherbe nachspüren kann, die der Töpfer vor rund 3000 Jahren im feuchten Ton hinterlassen hat... Oder wenn sich herausstellt, dass es sich bei dem nur zentimetergroßen schmalen Steinspliss um eine Harpunenspitze handelt, die einer unserer Vorfahren vor rund 14 000 Jahren kunstvoll von einer ultraharten Hornsteinknolle abgeschlagen hat...