Eine herausragende Persönlichkeit...

Leider besitze ich kein anderes Bild des reiferen Mannes Karl-Ernst Levy außer diesem, das ihn schon in fortgeschrittenem Alter und von der Krebserkrankung gezeichnet zeigt, der er in der Silvesternacht 1998/99 schließlich erliegen sollte.

Karl-Ernst war sowohl Mentor als auch ein besonders interessanter und wichtiger Zeitzeuge unsere Dokumentationsprojekts.

Noch im Herbst des Jahres 1998 hatten wir einige Telefonate wegen eines Artikels über den 3. Trupp des 10. Commando, der in einer Fachzeitschrift erscheinen sollte.

Dabei wirkte er voller Enthusiasmus und Lebensfreude, so dass sein Tod nur wenige Monate später für mich völlig unerwartet kam.

Auch beim letzten Veteranentreffen der Einheit im Mai 1999 in Wales wollte er eigentlich noch dabei sein.


Matthias Schwincke und ich haben seiner Witwe Erika Marxen-Levy im April 1999 einen Kondolenzbesuch abgestattet und dabei seinen letzten Willen erfahren: Wir sollten alle vorhandenen Unterlagen und Fotos zur freien Verfügung bekommen...

Die Persönlichkeit Karl Ernst Levy kann in mancher Hinsicht als Vorbild gelten: für Mut und Entschlossenheit, freien Geist und kritisches Denken, konsequentes Handeln, geübte Solidarität und Toleranz...

Sein Charakter und seine Biografie sprechen beispielhaft gegen die allzu schnell verfügbaren Klischeebilder in der Betrachtung deutsch-jüdischer Verhältnisse.

Auch wenn er in seinem späteren Beruf als Lehrer sehr bestimmt wirkte - Karl Ernst war dennoch nie im Besitz der allein selig machenden Wahrheit. Als politisch denkender Mensch litt er zeitlebens unter Ideologien und Dogmen, unter Intoleranz, Arroganz sowie dem Opportunismus und der Verblendung seiner Zeitgenossen.

Von der Jugend bis ins Alter blieb er ein Suchender. Er fühlte sich nicht als Christ und nicht als Jude - nur als Humanist. 

Von Anfang an ein bewegtes Leben...

Karl Ernst als Riegenerster 1936 im jüdischen Sportverein ITSC Berlin-Neukölln
Karl Ernst als Riegenerster 1936 im jüdischen Sportverein ITSC Berlin-Neukölln

Biografie-Telegramm Karl-Ernst Levy

Geboren als Nesthäkchen einer jüdischen Familie in Grabow bei Berlin;

Mit einem typisch jüdischen Namen evangelisch getauft und erzogen;

Vater und Mutter früh gestorben; überwiegend von seinen älteren Schwestern erzogen;

erst durch die NS-Diffamierungen ab 1933 bewusst Kontakt zum Judentum gesucht - in jüdischem Sportverein und Jugendgruppen Gemeinschaft gefunden, aber keine Heimat und keinen Gottesglauben;

schon als Jugendlicher politisches Bewusstsein entwickelt in Auseinandersetzung mit dem faschistischen Zeitgeist sowie den kommunistischen und sozialistischen Gruppierungen im Stadtviertel;

zwei schwierige, abgebrochene Lehrzeiten in Berlin, weil NS-Anhänger die jüdischen Lehrbetriebe übernehmen;

im Juni 1939 mit jüngerer Schwester Auswanderung nach England, nachdem bereits im September 1938 eine illegale Ausreise nach Belgien mit dem Freund der älteren Schwester gescheitert war;

erhält Lehrstelle als Installateur in Liverpool durch die Vermittlung des jüdisch-englischen Veteranenverbands und eigene Kontakte aus dem Sommer 1936, als er für einige Wochen dort eingeladen gewesen war;

1939 bereits freiwillige Meldung zum Militärdienst - aber er wird als "zu jung" abgelehnt;

Juni 1940 Internierung: erst im Lager Huyten bei Liverpool, dann Deportation nach Kanada;

von dort erst Ende 1941 als "Anti-Nazi" entlassen, weil er die vorgegebenen Entlassungsmöglichkeiten (unter anderem den freiwilligen Dienst im Pioneer Corps) nicht akzeptierte, sondern einfach Gerechtigkeit mit bedingungsloser Freilassung erwartete;

danach "kriegswichtig" eingestufte Arbeit als Installateur in Manchester;

seine Ideale sind der Antifaschismus und die "Freie Deutsche Jugend". Als FDJ-Aktivist setzt er sich für junge deutsche Flüchtlinge in Manchester ein, spielt Theater, hält Vorträge, macht Öffentlichkeitsarbeit;

seine Gruppe hofft auf den Widerstand in Deutschland und den Sturz des Hitler-Regimes;

erst als 1944 weder die Invasion der Alliierten zu Aufständen in Deutschland führt, noch der Putsch der Wehrmachtsoffiziere gelingt, da meldet er sich zum freiwilligen Kriegsdienst;

zunächst kommt er zum Pioneer Corps und kann sich von dort zu den Commandos bewerben, wo man Freiwillige mit guten deutschen Sprachkenntnissen sucht;

unter seinem neuen Tarnnamen Kenneth Lincoln beginnt seine Ausbildung Anfang November 1944 in Eastbourne, dann kommt er nach Wrexham;

er wird im März 1945 zum ersten Einsatz nach Deutschland geschickt, wo seine Einheit aber nicht mehr an Kämpfen beteiligt ist;

als Angehöriger des 3. Trupp im 10. (Inter-Alliierten) Commando bleibt er in Deutschland und arbeitet für den militärischen Nachrichtendienst, während die regulären Commandoeinheiten wieder nach England zurückverlegt werden;

in Kiel wird er der Field Security Section zugeordnet. Aus dieser Einheit wird er zur Befragung der gefangenen deutschen Soldaten vor deren Entlassung verwendet, um diejenigen herauszufiltern, die ein Sicherheitsrisiko darstellen oder als Kriegsverbrecher gesucht werden. Zu dritt haben sie täglich bis zu tausend Mann abzufertigen und können so höchstens 20 Verdächtige pro Tag aussondern;

als diese Aufgabe Anfang 1946 beendet ist, wechselt er zum politischen Nachrichtendienst der britischen Armee. Dort übernimmt er eine Offiziersstelle, will aber selbst nicht Offizier werden. Die britische Armee würdigt seine Verdienste mit der Verleihung des höheren Unteroffiziersdienstgrads Warrant Officer II und der British Empire Medal (BEM);

im September 1947 scheidet er aus dem Militärdienst aus;

Karl Ernst hat bereits beschlossen, in Deutschland zu bleiben. Seine ältere Schwester war in Berlin geblieben und hatte mit der Hilfe vieler "Schutzengel" überlebt. Die jüngere Schwester arbeitete beim amerikanischen Rundfunk AFN in München;

er ist nun knapp 28 Jahre alt und sieht eine Lehrertätigkeit als seine zukünftige Berufung. In Schleswig-Holstein gibt es viel zu wenige Lehrer; und noch dazu kaum "unbelastete". Die britische Militärverwaltung will durch einen Aufruf an Interessierte zwischen 28 und 45 unabhängig von der Vorbildung und durch einen Notkurs die dringend gebrauchten Pädagogen gewinnen. Er bewirbt sich und wird vor einen deutschen Prüfungsausschuss zitiert. Dort läßt man ihn spüren, dass er nicht die übliche schulische Qualifikation besitzt und doch besser Hausmeister werden sollte. Als Klempner sei er dafür ideal geeignet. Erst nach der Intervention des damaligen SPD-Innenministers Wilhelm Käber wird er doch zum Kurs zugelassen.

Schon während der Ausbildung und weiter während seiner Lehreranstellung bis in die 1950er Jahre ist er immer wieder Ressentiments der Kollegen ausgesetzt. Man wirft ihm vor, dass er freiwillig dem Feind gedient habe. So etwas sei unehrenhaft.

Schließlich wird dieser immer noch vorhandene faschischtische Geist für ihn unerträglich. Er bewirbt sich um eine Stelle an der deutschen Schule in Barranquilla in Kolumbien. Dort findet er endlich die lang ersehnten guten Arbeitsbedingungen. Von 1958 bis 1964 und dann noch einmal von 1966 bis 1969.

Wieder zurück in Deutschland am neuen Familienwohnort Elmshorn

kommt er in eine neue Lehrergeneration, in deren Mitte er sich wohl fühlt. Die Kollegen wählen ihn in den Personalrat. Schließlich wird er sogar Realschulrektor.      

Bildimpressionen bis zum 28. Lebensjahr