Bei der SOE...

Anderson Manor in Dorset: Sitz einer SOE Operational School und HQ der Small Scale Raidng Force
Anderson Manor in Dorset: Sitz einer SOE Operational School und HQ der Small Scale Raidng Force

Vor dem Beginn seines neuen Laufbahnkapitels hat Otto offenbar die in solchen Fällen üblichen "7 days leave" erhalten. Zum Abschied vom 3 troop wurde er auf dem Papier an die übergeordnete Einheit 10 Commando versetzt. Nach dem Kurzurlaub, den er vielleicht in London oder bei den Giles in Devon verbracht haben mag, erhielt er per 3. November 1942 den Status "dem Kriegsministerium angegliedert". Diese oberste Behörde war allen kriegswichtigen Diensten und Organisationen dabei behilflich, Personal anzuwerben und auszubilden. Üblicherweise wurden die Bewerber für lebensgefährliche Sondereinsätze zuerst im Londoner Great Central Hotel in der Marylbone Street befragt. Dort war ein Colonel Hartmann aktiv, der mit den Männern in einem sehr antiquierten Deutsch sprach und vor allem mehr über ihre Beweggründe erfahren wollte. Wegen seines Rauschebarts bekam Hartmann prompt den Spitznamen "Father Christmas".

Otto dürfte diese Phase aber vor seiner Überstellung an das Commando Depot Anfang 1942 durchlaufen haben. Zum Jahresende 1942 könnte deshalb schon seine Ausbildung bei der SOE begonnen haben. Sein Freund Edgar Bender hat ja übermittel, dass Otto sich für die Aufnahme in diese Geheimorganisation beworben hatte. Für ein SOE-Training sprechen auch weitere Fakten:

1. Yogi Mayer, Ottos einstiger Fähnleinführer, dann Leichtathlet und Sportlehrer, war SOE-Ausbilder geworden.

Er unterrichtete an allen Schwerpunktstandorten der SOE in Schottland und England, die von den angehenden Agenten durchlaufen werden mussten, damit sie am Ende ihr Handwerk beherrschten und einen speziellen Auftrag ausführen konnten. Diese "Schulen" befanden sich rings um das Arisaig House im schottischen Invernesshire, in Hampshire um Beaulieu im New Forest auf Lord Montagues Ländereien, in verschiedenen anderen englischen Grafschaften und in der Nähe von größeren Flugplätzen der Royal Air Force wie Ringway bei Manchester.

2. Weil Otto ja bereits bei den Commandos gedient hatte, blieben ihm höchstwahrscheinlich die SOE-übliche Kandidaten-Filterung und die fünfwöchige paramilitärische Grundausbildung in Schottland erspart. Jedenfalls muss er im Februar 1943 in Poole in Dorset an der britischen Südküste gewesen sein. Denn dort hat er seine Tochter gezeugt, die später Sylvia Skinner heißen sollte. Sylvia ist am 30. November 1943 geboren - also dürfte der Akt etwa Ende Februar stattgefunden haben. Wir wissen, dass er zuerst die Schwester von Sylvias leiblicher Mutter kennen gelernt hatte und bei ihr schon mehrmals "zum Tee" gewesen war. Das alles spricht für einen längeren Aufenthalt Ottos in der nicht allzu fernen Umgebung - wie etwa an einem Ausbildungsstandort.

Eine SOE-Schule - und mehr noch als das - lag nicht allzu weit entfernt drei Meilen nördlich von Bere Regis: das "Anderson Manor"! In diesem Anwesen befand sich eine der so genannten Operational Schools, in denen Agenten schon einsatzbezogen ausgebildet wurden.

Zudem residierte dort das Hauptquartier der bereits erwähnten SOE-Sondereinheit Small Scale Raiding Force (S.S.R.F.) unter Major Gus March-Phillipps. Eine 50 Mann starke Truppe für amphibische Sabotageeinsätze und Agenten-Infiltration an der französischen Küste - mit dem Motor-Torpedoboot MTB 344, das ab Windstärke 4 kaum mehr handhabbar war und deshalb "the little pisser" genannt wurde. Die Einheit wurde unter den Tarnnamen Station 62 oder No 62 Commando geführt. Otto kannte diese Truppe bereits - wenn er im August 1942 tatsächlich mit auf dem Dieppe-Raid gewesen sein sollte.

Übrigens war auch Yogi Mayer laut eigenen Angaben während seiner SOE-Ausbilder-Laufbahn in Anderson Manor stationiert...

Ungefähre Lage von Anderson Manor - 3 Meilen nördlich Bere Regis - und Nähe zu Poole!
Ungefähre Lage von Anderson Manor - 3 Meilen nördlich Bere Regis - und Nähe zu Poole!

Ausbildung für welchen Einsatz?

Leider haben wir über die Ausbildung Ottos und die Zielsetzung im Jahr 1943 keinerlei konkrete Informationen. Grundsätzlich umfasste das SOE-Ausbildungsprogramm auch das Vermitteln von Spezialkenntnissen aller Art - nicht zuletzt das Codieren und die Nachrichtenübermittlung per Funkgerät. Das Fallschirmspringen zu erlernen, war ebenfalls eine Pflichtübung für die meisten Agenten. Wenn Männer und gelegentlich auch Frauen aber Einsätze in Nordfrankreich ausführen sollten, brachte man sie häufig sogar mit landenden Flugzeugen dorthin. Dafür wurden die einmotorigen Westland-Lysander-Maschinen verwendet; schwarz gestrichen, mit Zusatztank und fest installierter Außenleiter für den schnellen Agenten-Ausstieg. Die Lsyanders konnten auch auf extrem kurzen Feldpisten landen und starten, die die Resistance präpariert und für die nächtlichen Flugbewegungen kurzfristig minimal beleuchtet hatte.

Als Höhepunkt seines Durchlaufs kam jeder Agent auf eine der elf "Finishing Schools" rund um Beaulieu, wo er auf seine Mission eingestellt wurde und "den letzten Schliff" bekam. Überlebenswichtig dabei: Eine schlüssige, überzeugende Tarnlegende und Identität, die er sich regelrecht einverleiben sollte. In Tests mussten die Agentenschüler dann beweisen, dass sie die erlernten Techniken beherrschten, dass sie ihre Verkleidungen und falschen Papiere richtig nutzten und dass sie auch in heiklen Situationen noch Mut und Kaltblütigkeit besaßen...

Kurz vor dem Besteigen des Flugzeugs zum Einsatz gab es das letzte Briefing, in dem der Agent auch über sein Absprunggebiet informiert wurde. Außerdem bekam er zwei wasserdichte Pillenstreifen. In einem befanden sich Benzedrin-Tabletten, die man gegen Müdigkeit und Einschlafen nehmen konnte; im anderen war die "L"-tablet: das Selbstmord-Präparat für aussichtlose Situationen!

 

Was Ottos Einsatzszenario betrifft, so könnte ein Eintrag in seiner Militärakte vielleicht einen Anhaltspunkt für eine erste Mission darstellen: "Appointed Local Lance Corporal 29.07.43"

Solche Beförderungsangaben deuten auf eine bevorstehende operationale Phase hin. Nun wird ihm wieder der Rang eines Lance Corporals verliehen. Diesen Dienstgrad hatte er zwar im Augst 1940 schon ein mal erhalten - aber mit dem Eintritt in die Commandos verloren. Denn dort galt die Regel, Neuzugänge einen Rang tiefer einzustufen. In Ottos Fall hieß das also, gar keinen Rang mehr zu besitzen.

"Lysander-Taxi" mit dem SOE-Agenten z. B. nach Frankreich gebracht und wieder abgeholt wurden
"Lysander-Taxi" mit dem SOE-Agenten z. B. nach Frankreich gebracht und wieder abgeholt wurden