Plan B: Weiter nach Kroatien...

Offenbar sah der Ausweichplan des Agententeams Hess-Buchdahl vor, einer Evakuierungsroute nach Kroatien zu folgen. Wir nehmen an, dass sie unter der Führung eines ortskundigen Partisanen nachts und zu Fuß auf Schleichwegen über die Karawanken-Hochgrenze nach Slowenien gelangt sind.

Dort hatten die Partisanen in einer Felsschlucht bei Cerkno ein Lazarett mit den Codenamen "Amerika" oder "Franja" eingerichtet.

Das diente auch als Relaisstation für Kuriere, geflohene Zwangsarbeiter, Deserteure, notgelandete oder abgesprungene Flieger der Aliierten und Agenten.

Dann müssen die beiden, höchstwahrscheinlich wieder mit einem Führer, unter schwierigsten Bedingungen sage und schreibe rund 250 km nach Osten marschiert sein.

Ihr Ziel war ein Partisanenstützpunkt am nordkroatischen Mittelgebirgszug und Ort "Kalnik". An diesem Stützpunkt gab es wohl auch einen Offizier der britischen Militärmission. Wir haben jedenfalls die Aussage, dass ein britischer Offizier Otto am 19. September in Kalnik getroffen habe. 

Von Kalnik nach Topusko über Lekenik...

Die offiziellen Informationen besagen Folgendes:

In Kalnik sei die Identität Ottos durch Funkverkehr mit einer britischen

Stelle überprüft worden. Dann wurde bestimmt, dass ihn eine Eskorte zum kroatischen Partisanen-Hauptquartier begleitet. Das befand sich im Raum Kladusa, war wegen deutscher Bombenangriffe zu dieser Zeit aber in die Gegend von Topusko verlegt werden. Von dort sollte Otto mit einem Flugzeug nach Italien evakuiert werden.

Auf dem Weg nach Topusko sei die Gruppe beim Ort Lekenik in einen Hinterhalt der Wehrmacht geraten.

Damit enden die freiwillig gegebenen und diskret nur zur Information der Tochter bestimmten Auskünfte des britischen Geheimdienstes. Die Akten unterliegen offiziell noch der nach dem Krieg verhängten 100-Jahre-Sperrfrist.

 

Bei dem in den Militärunterlagen verzeichneten Todeszeitpunkt 1. Oktober 1944 dürfte es sich um ein "Wahrscheinlichkeitsdatum" für die Akten handeln.

Wir wissen nicht, ob Otto - wie in Nachkriegsschilderungen behauptet - tatsächlich gefoltert und dann erschossen wurde, als seine wahre Identität festgestellt worden war. Ebenso denkbar wäre ein (nächtliches) Feuergefecht, bei dem er sofort umkam. 

Weil nichts über die Todesumstände bekannt ist, kann spekuliert werden, ob man ihn vielleicht noch in eine Gestapo-Dienststelle ins nahegelegene Zagreb oder in eines der kroatischen Vernichtungslager gebracht hatte.

Kaum spekulativ ist dagegen die Schlussfolgerung, dass mindestens einer aus der bei Lekenik überfallenen Gruppe überlebt haben muss!

Sylvia Skinner hatte nur Auskünfte zur Person ihres Vaters erhalten. Durch Yogi Mayer wissen wir aber, dass Otto zusammen mit Werner Buchdahl auf diese Mission gegangen war.

Wenn Otto dabei getötet wurde, wäre zu erwarten, dass das auch für Werner Buchdahl gilt...

Allerdings wissen wir inzwischen ziemlich sicher, dass er überlebt hat!

Fritz Werner Buchdal, geboren 1917, wurde 1947 britischer Staatsbürger und wanderte dann nach Australien aus, wohin seine Eltern bereits 1939 geflohen waren. In Australien änderte er seinen Namen, konvertierte und wurde als "Father Michael Buckdale" katholischer Priester! 

Die naheliegendste Erklärung dieser Faktenlage ist wohl Verrat. 

Der mögliche Verräter, der in Wiesbaden einst Ottos Freund gewesen war, ist inzwischen in Australien verstorben.

Der sonst so auskunftsbereite Yogi Mayer ist auf diese Umstände nie eingegangen... Seine Nichte sagte einmal, sie habe ihn mehrfach gebeten, über seine Geheimnisse zu sprechen und sie nicht mit ins Grab zu nehmen!

Von Ottos ehemaligen Schulkameraden haben wir erfahren, dass in Wiesbaden nach dem Krieg das Gerücht umging, Otto und sein Bruder Werner seien bei der Royal Air Force gewesen und über Jugoslawien abgeschossen worden... 

Ottos Schicksal - von Frau zu Frau...

Ein weiteres mysteriöses Dokument, das Detektivarbeit erfordert: Diese Brief-Fragmente stammen aus dem Nachlass Edgar Benders in London und gehörten zu den Unterlagen, die er wiederum als Ottos Nachlassverwalter aufbewahrt hatte. Edgar Bender selbst dürfte aber nicht der Adressat gewesen zu sein... 

Bei diesem Schreiben fehlen Absenderangabe, Anrede, Grußformel und Unterschrift. Vielleicht handelte es sich gar nicht um einen üblichen Brief, sondern um Einzelblätter, die einer anderen (Haupt-)Sache beigelegt worden waren... Die Handschrift dieses Briefs zeigt, dass er von einer Frau geschrieben wurde. Die Zeitangabe "about seven weeks have elapsed since Ve Day..." (= Victory in Europe Day = 8. Mai 1945) sagt uns das ungefähre Schreibdatum: Ende Juni/ Anfang Juli 1945.

Eine weitere Auffälligkeit: die Nennung von Ottos Tarnnamen Peter Giles und seines Dienstgrads Seargeant ("Sgt.").

Offenbar hatte es vorher ein Informationsschreiben des Adressaten/ der Adressatin dieses Briefs an die Schreiberin des vorliegenden Briefs gegeben - erkennbar an der Wendung "as you say", womit sie sich auf das Schreiben bezieht, das sie vorher erhalten hat. Darin war mitgeteilt worden, dass Sergeant Peter Giles nun offiziell als vermisst galt.

Im folgenden Briefabsatz offenbart die Schreiberin nun sogar Geheiminformationen über den letzten Einsatz Ottos: 

Sie weiss, dass seine "Sonderaufgaben ihn im letzten Herbst nach Jugoslawien führten". Jugoslawien schreibt sie wie im deutschen Sprachraum üblich mit "J" -  nicht mit dem in Englisch korrekten "Y"!

Weitere geheimdienstliche Insider-Informationen: "Das letzte, was wir von ihm dort hörten, war am 19. September, als er zufälligerweise einen Offizier traf, den ich persönlich kenne. Von dort brach er auf zu einer Reise zum Hauptquartier der Streitkräfte in Kroatien, aber er kam nie dort an. Wir wissen nicht, was aus ihm wurde."

Wer waren wohl Adressat und Schreiberin dieses Briefs?

Die Personen müssen eine engere Beziehung zu Otto gehabt und gewisse "offizielle Funktionen" erfüllt haben. Wenn man die  Lebensgeschichte Ottos in England und seine bekannten Bezugspersonen betrachtet, dann treffen diese Kriterien nur bei zwei Frauen zu. Das waren Dorothy Giles, seine Adoptivmutter - und Joan Wicht, seine Bürgin.

Meine Annahme ist, dass Joan Wicht den Brief geschrieben hat. Offenbar antwortet sie auf ein Informationsschreiben von Dorothy Giles, in dem ihr mitgeteilt worden war, dass Sergeant Peter Giles nun offiziell für vermisst erklärt worden sei.

Möglicherweise hat Dorothy Giles das Schreiben Edgar Bender übergeben, als sie sich nach dem Krieg - wie Anne Bender berichtete - mit ihrem Sohn Norrie eine Zeit lang bei den Benders in London aufhielt. 

Siehe auch das Kapitel "Mysteriöse Bürgin Joan Wicht" mit 2016 neu entdeckten, überraschenden Informationen!