VHS-Vortrag "Heimatgeschichte" in Stübig am 17. Oktober 2014

Beispiele für typische Gefäße der Bandkeramik, rund 5 000 v. Chr.; Fundort Tiefenellern
Beispiele für typische Gefäße der Bandkeramik, rund 5 000 v. Chr.; Fundort Tiefenellern

Wir sorgen uns derzeit um die Klimaerwärmung und diskutieren über die Folgen einer höheren Durchschnittstemperatur von zwei Grad Celsius. Dabei sollten wir wissen, dass die Menschheit in ihrer Entwicklungsgeschichte schon wesentlich extremeren Umweltbedingungen ausgesetzt war. Alle 100 000 Jahre wurden zwei Kaltzeiten von einer rund 10 000 Jahre dauernden Warmzeit unterbrochen. Die letzte Eiszeit ist ja erst vor etwa 12 000 Jahren langsam zu Ende gegangen. Während dieser Periode lebten auch hier in Oberfranken bis etwa 30 000 v. Chr. der Neandertaler und mindestens schon ab 40 000 v. Chr. der Moderne Mensch. Franken war niemals vom Eis bedeckt - doch es herrschte ein sibirisch-kühles Klima mit karger tundraartiger Vegetation. Die Jäger und Sammler hatten sich gut daran angepasst.                         

Aber am Ende der Eiszeit änderten sich ihre elementarsten Lebensgrundlagen fast schlagartig innerhalb einer Generation. Ein Temperaturanstieg um sage und schreibe sechs Grad ließ die Steppenlandschaft mit den großen Tierherden verschwinden, führte zu Bewaldung und brachte ganz andere Tiere, die sich gut verstecken konnten. Die Menschen mussten sich innerhalb kürzester Zeit darauf einstellen: in ihrer Biologie, durch neue Jagdtechnik, Waffen, Ernährung und andere Lebensweise.

Auch hier in der Region kann man die Hinterlassenschaften der Menschen aus der Altsteinzeit erwarten. Vor allem ihre aus Geröllsteinen und ultraharten Jura-Hornsteinen hergestellten Waffen und Werkzeuge. Ich weiß aber nur von den so genannten Faustkeil-Blattspitzen aus schwärzlichem Kiesgeröll, die in den 1950er Jahren zu Hunderten am Mainhochufer bei Lichtenfels-Kössen gefunden wurden. Sie könnten aus einer Zeit rund 36 000 Jahre vor Christus stammen.

Die Informationen, die ich Ihnen heute noch für die Region um Scheßlitz und für Ihr Heimattal geben möchte, beginnen erst mit den Funden der Jungsteinzeit um 5000 v. Chr. die im "Denkmalatlas" des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege verzeichnet sind.

Dabei handelt es sich um die Hinterlassenschaften der ersten sesshaften Siedler und Bauern, die man nach den Verzierungen auf ihren Tongefäßen als Angehörige der "Linearbandkultur" bezeichnet.

Etliche archäologische Fundstellen hier in der Region fallen dadurch auf, dass sie ab der Zeit der Linearbandkultur eine durchgängige Besiedelung bis zum Frühmittelalter oder noch länger aufzeigen. Also über rund 7000 Jahre!                            

Deshalb kann man wirklich von einer uralten Kulturlandschaft am Obermain sprechen.

Ebenso bemerkenswert ist, dass Innovationen und Entwicklungsschübe der frühen Zivilisation zwar überwiegend aus Kleinasien, aus dem östlichen Mittelmeerraum und aus der Region Balkan/Ungarn zu uns kommen - dass damit aber kaum eine Besatzung fremder Menschen oder eine Vertreibung der einheimischen Bevölkerung verbunden ist. Vielmehr scheint es meistens so gewesen zu sein, dass verhältnismäßig wenige "Eroberer" und Neueinwanderer die Einheimischen auf eine höhere Kulturstufe brachten. Entweder handelte es sich dabei um eine bewunderte Herrenschicht, die dann die Lebensart bestimmt hat - oder um akzeptierte Praktiker, die Nachahmenswertes mitgebracht und vorgemacht haben. Beispielsweise sind so das Schaf und die Ziege als Zucht- und Wirtschaftstiere zu uns gekommen. Mit der Zeit assimilierten und vermischten sich dann Fremde und Alteingesessene.

Der große Umbruch entsteht durch die Erfindungen der Schmelztechnik für das Kupfer und die Legierung mit Zinn zur goldfarbenen Bronze. Waffen, Werkzeuge und Schmuck aus diesen Metallen sind zuerst Prestigeobjekte der Reichen, verändern aber nach und nach das Leben aller. Denn es entsteht auch eine völlig neue Gesellschaftsordnung mit starken Hierarchien. An der Spitze stehen jetzt zum ersten Mal weltliche Führer und Könige, denen es um Besitz, Macht, Herrschaft und Eroberung geht. Über alle Epochen davor war die Lebensweise des Volks von Priestern bestimmt worden - und dabei stand der Einklang mit der Natur und ihren Gottheiten im Vordergrund.

Hier bei uns war in der Bronzezeit ab etwa 2000 v. Chr. bereits eine Verteilung von Siedlungen erreicht ähnlich wie wir sie heute noch haben. Aber natürlich waren das meistens nur Weiler, und die Bevölkerungszahl war damals weit von der heutigen entfernt.

Typische Hinterlassenschaften dieser Zeit sind große Hügelgräber und Grabbeigaben oder Totentracht wie Messer, Dolche, Bernsteinketten und Gewandnadeln. Die ursprünglich goldene Bronze ist grün patiniert.

Darauf folgt die so genannte Urnenfelderzeit, weil es in dieser Epoche von 1200 bis 800 v. Chr. große Friedhöfe mit Urnenbestattungen gibt. Die Toten wurden also verbrannt.

 

Dann tauchen urplötzlich die Kelten auf, die uns auch wieder Hügelgräber hinterlassen haben. Meistens sind das kleinere Gräberfelder als in der Urnenfelderzeit und kleinere, dichter beieinander liegende Hügel als in der Bronzezeit. Das immer noch nicht richtig erforschte keltische Volk war wohl in viele kleinere Stämme zersplittert. Ihr Siedlungsraum erstreckte sich von Frankreich, der Schweiz und Österreich über Süd- und Mitteldeutschland bis nach Tschechien. Oberfranken lag fast mittendrin. Die ältere keltische Kultur von etwa 800 bis 450 v. Chr. wird nach dem Fundort Hallstatt in Österreich eingeordnet. Die jüngere Kulturstufe von 450 bis kurz v Chr. wird nach dem Fundort LaTene am Genfer See bezeichnet. Mit den Kelten begann die Eisenzeit. Sie waren Meister im Verhütten und Verarbeiten dieses völlig neuartigen Metalls - erfanden aber auch die Töpfer-Drehscheibe und den Webstuhl. Als Bauern und große Viehzüchter sind sie ebenso bekannt wie als tapfere Krieger und fanatische Kämpfer. Die Kelten verehrten Naturgottheiten wie den Tiergott Grannus und pflegten religiöse Rituale, bei denen auch Menschen geopfert wurden. Immer noch rätselhaft bleibt, warum große Teile dieser Stämme etwa um 400 v. Chr. plötzlich ihre Siedlungen verlassen und sich bis zur Britischen Insel und Irland, nach Spanien und Italien, ja sogar bis nach Griechenland und die heutige Türkei ausbreiten.

 

Bis um 200 v. Chr. hatten Rückwanderer aber wieder viele ihrer ehemaligen Stammsiedlungen bei uns besetzt.

In dieser Zeit wurden auch die alten, von den Kelten weiter ausgebauten Fliehburgen und Höhensiedlungen in Franken von der Houbirg bei Hersbruck über die Ehrenbürg bei Forchheim bis hin zum Staffelberg wieder genutzt. 

Dieses nach der Zeitenwende verschwundene Volk ohne Schrift ist aber auch über die hinterlassenen Bodendenkmale hinaus bei uns noch präsent: durch einige typische keltische Sprachreste in unserer Sprache:

Die Worte Jura und Alb sind keltischen Ursprungs und bedeuten "Waldberg" und "Viehweide". Auch einige Flussnamen gehen auf keltische Namengebungen zurück. Zum Beispiel: Moinaha = Main - Radentia = Rednitz/Regnitz und Pagentia = Pegnitz. Die Endung -aha zeigt auch die Wurzel der späteren typischen germanischen Namen und Namensendungen für Fließgewässer: Ache, -ach und Bach. Hinweise auf keltische Opferplätze an auffälligen Berg-, Fels- und Höhlenformationen geben zum Beispiel Flurnamen wie  "Geiskirche" oder "Klauskirche". Dahinter verbergen sich uralte mündliche Volksüberlieferungen, wobei aus dem Namen des keltischen Gotts "Grannus" die Verballhornungen Geis und Klaus entstanden sind. Die Bezeichnung "Kirche" deutet aber immer noch an, dass an diesen Stellen "Gottesdienst" stattgefunden hat.   

 

In der altertumskundlichen Einteilung der Epochen folgt nach der keltischen Zeit die so genannte Römische Kaiserzeit, über die dann auch schon mehr Schriftquellen vorliegen als über die Kelten. Germaneneinfälle aus dem Norden hatten die keltische Bevölkerung dezimiert und nach Süden zur Donau verdrängt, wo sie unter der römischen Besatzung mehr Schutz fand und sich mit den Einheimischen vermischte. Nachdem die Römer den Limes an die Donau zurückverlegt hatten, führten sie einige groß angelegt Expeditionen in das Germanenland im Norden durch, die durchaus auch hier in der Region noch Spuren hinterlassen haben können. Zudem gab es im Vorfeld des Limes befreundete Germanenstämme, die sich stark an der römischen Kultur orientierten und sie nachahmten. Bis zur Völkerwanderungszeit im 4. und 5. Jahrhundert scheint ganz Franken nur noch sehr dünn besiedelt gewesen zu sein. Große Teile des Landes waren dicht bewaldet.

 

Damals tummelte sich in Oberfranken über längere Zeit ein Völkergemisch aus Burgundern, Alemannen und Thüringern, wobei die Thüringer die Region für sich beanspruchten und bereits feste Siedlungen gegründet hatten. Unsere heutigen Ortsnamen mit den Endungen "-leben" und "-stadt" deuten wohl auf solche Thüringergründungen hin. Was wir heute mit der Endung "Stadt" benennen, hieß im Original aber "State" - und das bedeutet "Stätte". Bei den Orten mit den Endungen -ing und -ingen ist die Herkunft der Gründerväter nicht ganz klar: bairisch, alemannisch oder doch thüringisch? Dabei löst die Originalschreibweise des Ortsnamens Seußling vielleicht das Rätsel. Sie lautet "Siusilingun" - was doch sehr nach dem alemannischen "-lingen" klingt.

Auch Slawen haben sich in Oberfranken angesiedelt und in friedlicher Koexistenz mit Germanen zusammen gelebt. Um eigene slawische Gründungen handelt es sich wohl bei Scheßlitz, Modschiedel und auch Trainmeusel - ursprünglich "Dragomysl/ Tragamusil". Der Bamberger Ortsteil Theuerstadt soll eine slawisch-thüringische Gründung sein. Die Originalbezeichnung lautet: "Thuirstat".

 

Vom 6. bis zum 9. Jahrhundert erobern die Frankenkönige das Land, roden, gründen Siedlungen und geben ihm seinen Namen: "Francia Orientalis" - "Ostfranken".

Zuerst kam die Landnahmewelle der Merowinger. Die stammten aus einer germanischen Stammesgruppe vom Oberrhein, die sich den Übernamen "Franci" gegeben hatten. Das heißt: die Kühnen, die Trotzigen.

Wie weit die Merowinger nach Osten vorankamen, ist einerseits an der Linie der Orte mit den Namensendungen auf "-heim" erkennbar. Dabei lautete die Endung im Original -"kaime", was wohl so etwas wie Kern oder Siedlungs-Keimzelle bedeutet. Aber auch alte Kirchengründungen, die dem merowingischen Lieblings-Schutzheiligen Sankt Martin geweiht sind, lassen die Ausbreitung erkennen. Weitere Spuren bringt die Archäologie ans Tageslicht: so genannte Reihengräberfelder, in denen meist groß gewachsene, mit Schild, Schwert und Wurfaxt voll bewaffnete Krieger oder überaus reich geschmückte Frauen liegen. Reihengräber, wie sie vereinzelt auch um Stübig herum schon entdeckt wurden. Außerdem spricht die Martinskirche in Weichenwasserlos für die Anwesenheit der Merowinger. Ein weiteres Indiz ist die Tatsache, dass Stübig bis ins Mittelalter als so genannter Centgerichtsort erscheint.

 

Der Begriff "Cent" stammt ebenfalls von den Merowingern und bedeutet: "Gericht der 100 Freien". Die Erinnerung an den besonderes Status der kleinen Zentrumsgemeinde Stübig finden wir gleich in zwei Ortsnamen in der Nähe: Roßdach und Roschlaub. In beiden Fällen deuten diese Benennung indirekt auf alte Gerichtsstandorte hin. Bezeichnet wird ein Pferde-Unterstand in der Form einer bewachsenen Pergola neben dem Gerichtsstandort. Das Gericht wurde ja in freier Natur unter einem alten markanten Laubbaum und in der Nähe guter Wegeverbindungen abgehalten. Und dorthin kamen die rechtsfähigen Männer aus einem bestimmten Einzugsgebiet auf ihren Pferden zu den Verhandlungen.     

Unter den nachfolgenden Karolingerkönigen geht die Kolonisation weiter. Orte mit den Namensendungen -dorf, -bach, -feld, -au und -hausen entstehen. Nun gibt es auch schon erste Schriftquellen über die Existenz von Dörfern und Weilern: darunter Scheßlitz (Scheheslize) und Weichenwasserlos (Wazerlosum).

Karl der Große baut eine staatliche Grundorganisation aus Gauen und Grafschaften rund um Königshöfe und Kirchengründungen auf.

1007 gründet Heinrich der Zweite, ein früher Liebhaber der Stadt Bamberg und Oberfrankens, das Bistum Bamberg. Vorher schon hatte er seiner Frau Kunigunde von Luxemburg den Herzogssitz Franken als Morgengabe gewidmet und mit dem Bau eines Doms begonnen.

 

Zu guter Letzt will ich noch auf zwei Beispiele für besondere archäologische Fundstellen eingehen, die die Region um Scheßlitz und Stübig historisch so sehr bedeutsam machen:

Da ist einmal der Schlappenreuther Berg, auf dessen frühere Befestigungs- und Burganlage uns schon zwei Ortsnamen aus der unmittelbaren Umgebung hinweisen: "Burg"-lesau und "Burg"-ellern". Sein älterer Name lautet "Reisberg" - und das ist eine Verballhornung der noch älteren "Rinsburg". Wenn man sich dann die Denkmalliste für den Schlappenreuther Berg ansieht, kommt man aus dem Staunen über die Fülle seiner Fundstellen kaum mehr heraus:

von der Nutzung als Höhensiedlung schon in der Jungsteinzeit und über alle weiteren Epochen bis zur Völkerwanderungszeit und zum frühen Mittelalter. Daneben gibt es Belege für eine so genannte Freilandstation der Mittelsteinzeit im Zeitraum von 10 000 bis 5 000 v. Chr., für vorgeschichtliche Grabhügel und eine mittelalterliche Turmburg.

Nach den letzten archäologischen Grabungen hat die Auswertung von 1500 Fundstücken aus allen Lebensbereichen ergeben, dass der Berg zwischen 400 und 450 n. Chr. als germanischer Fürstensitz diente. Er war von einer imposanten Maueranlage umgeben. Im Jahr 2010 gab es darüber eine eindrucksvolle Sonderausstellung im Fränkische-Schweiz-Museum in Tüchersfeld.

 

Beim zweiten Beispiel handelt es sich um die Ergebnisse der Ausgrabungen von Dr. Timo Seregely von der Universität Bamberg in Stübig am Großen Roten Stein und in Wattendorf am Motzenstein.

In beiden Fällen handelt es sich um so genannte Naturheilige Plätze, die offenbar über alle vorgeschichtlichen Epochen hinweg von den Menschen für spirituelle Ritualhandlungen genutzt wurden. Bei der letzten Grabung am Großen Roten Stein hat man neben einer Fülle anderer Artefakte auch ein Lappenbeil aus Bronze entdeckt, das dort nicht vergraben wurde, sondern nur auf den Boden gelegt und mit Kalksteinbrocken überdeckt worden ist.

Seregely hat übrigens auch die berühmte Jungfernhöhle in Tiefenellern neu untersucht und zuletzt fünf Menschenopfer aus der noch geheim gehaltenen "Kirschbaum"-Schachthöhle geborgen.

Vielleicht ist es ja sogar möglich, dass er in absehbarer Zeit in einem Volkshochschul-Vortrag über das alles berichtet.

Zum Abschluss möchte ich sie noch ermuntern, doch auch archäologische Detektive zu werden!

Das Aufspüren von Altertümern und Bodendenkmalen ist eine gesellschaftlich wertvolle Aufgabe und gleichzeitig eine spannende Freizeitbeschäftigung für alle Einwohner und Grundstückseigentümer. Beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege ist man im Bereich der Denkmalforschung inzwischen geradezu auf engagierte Laien angewiesen. Die begehen an ihren Wohnorten regelmäßig Äcker und andere offene Bodenflächen in Orten und im Gelände, finden so Artefakte und sichern sie für die wissenschaftliche Auswertung sowie für die Information der Bevölkerung und für die Nachwelt. Ich habe bei der Volkshochschule und beim Landesamt schon angeregt, dass demnächst ein Grundlagenseminar für Interessierte hier in der Region angeboten wird.