Der Nahtod und seine Folgen

Der moderne Ritter lenkt sein Ross durch den Wald. Hellwach späht er in alle Richtungen: Ist das der richtige Weg? Was kommt hinter der nächsten Biegung? Könnte dort räuberisches Gesindel lauern? Bewegt sich da etwas im Unterholz? Kauert dort in der Ferne ein Tier – oder ist das nur ein Baumstumpf?

Aber nein, keine Gefahr! Auch sein braves Ross trabt unbeirrt, schnaubt beruhigend-rhythmisch Atemwölkchen in die frische Herbstluft…

Doch was ist das? Er nähert sich einer dreifach gefächerten Weggabelung: unübersichtlich, von Schatten und Dunstschleiern verhangen, mystisch…

Er kommt heran, zügelt das Pferd – und dann geschieht es wieder:

Mit der Geschwindigkeit eines Flügelschlags verlässt ihn sein Geist, macht ihn zum kopflosen Wesen, unfähig, den Überblick zu behalten und schnell die angemessene Entscheidung zu treffen.

Er reitet blind in einen der Schattenwege, getrieben von einer dumpfen, alles beherrschenden Angst… Völlig verwirrt gibt er dem Ross die Sporen, zügelt es gleich darauf wieder, will umkehren und doch weiter reiten, weiß nicht mehr, was er soll, wohin er ritt, wo er sich gerade befindet…

Erst lange Zeit später, nach vielen Mühen, Leiden und Kämpfen, wird er erkennen, was es ist, dass ihn hin und wieder – urplötzlich, urgewaltig – völlig verunsichert und lähmt:

Da war sein endlos scheinendes Ringen mit dem Tod. Eines schönen Kindertages. Als er der Schwimmer sein will wie all die andern und den Kopfsprung wagt…

Tief taucht er ein, schluckt Wasser, schlägt wild um sich, kommt an die Oberfläche, schnappt verzweifelt nach Luft, hört Geräusch- und Stimmenfetzen, spürt Sonnenwärme, sackt hustend wieder nach unten – ein weiterer Wasserschwall presst sich schmerzhaft drückend in sein Inneres, die Luft wird knapp, er will nicht ersticken – brausendes, perlendes, grünlich-kühles Halbdunkel umgibt ihn, von oben, vom Ufer kommen ferne, gedämpfte Töne in funkelnden Lichtreflexen: dort liegt das Ziel seiner letzten verzweifelten Bewegungen…

Und das Wunder geschieht!

Doch dann ist da noch die Erinnerung an ein anderes Erlebnis. Er bringt es all die Jahre über nicht in Verbindung mit seinem Überlebenskampf im nassen Element. Aber der Zusammenhang ist ziemlich offenkundig: Er hatte sehr viel Wasser geschluckt; fühlte sich hundeelend und krank, seine Brust schmerzt… Es muss ihm in dieser Zeit kurz nach dem Beinahe-Ertrinken widerfahren sein. Als er als Erster an den Schulort kommt und auf die anderen wartet. Als er da steht und erstarrt – und sich mit einem Mal, wie der Adler die Beute, von oben sieht!

Dort unten steht ER klein und allein!

Noch ist Staunen…

Doch schon verschwindet das Bild. Sein Geist ist in den Körper zurückgekehrt. Panik durchfährt ihn – Nerven zerfetzende, schüttelnde Unruhe! Als hätte ein Blitz ihn getroffen und aufgeladen und dabei alles aus seinem Gedächtnis gelöscht:

„Hilf, Himmel: Ich weiß nicht mehr, wer ich bin und wie ich heiß’!“

 

Herzstillstand - übersinnliche Wahrnehmung - Gedächtnis- und Identitätsverlust...

...das war die Kettenreaktion, die ich wahrscheinlich am Tag nach meinem Beinahe-Ertrinken erlebte, als ich nachmittags alleine in der Schulaula auf meine Klassenkameraden wartete. Das Herz scheint vergleichsweise kurz ausgesetzt zu haben. Mein Geist hatte sich aber sofort aus dem Körper gelöst und mir den Blick auf meine Person von oben herab eröffnet. Beim Wiedereinsetzen des Herzschlags kam die Hirnaktivität schlagartig; aber unvollständig wieder in Gang. Ich fühlte mich im Körper eines Wesens, das ich nicht mehr kannte! Das löste unbeschreibliche Verunsicherung, Angst und Panik in mir aus... Aber schließlich kamen Gedächtnis und Erinnerung doch zurück.

In manchen Stress-Situationen meines weiteren Lebens bin ich in ähnlich kopflose Zustände gekommen, die ich mir heute als "Flash-Backs" der damaligen Amnesie erkläre...  


(Siehe auch Episode "Das Schlüsselkind"!)

Hintergrundinformationen zum Phänomen Nahtoderfahrung:

2009 hat der Patmos-Verlag das hier gezeigte Buch des holländischen Kardiologen und Medizinforschers Pim van Lommel heraus gebracht.

Damit geht der Facharzt mit den Ergebnissen und Erkenntnissen einer klinischen Studie an die Öffentlichkeit, die der Fachwelt schon 2001 vorgestellt worden war.

Lommel befragte rund 350 Klinik-Patienten, die nach Herzstillstand wiederbelebt worden waren. Die Erhebungen wurden in zehn Kliniken und über einen Zeitraum von vier Jahren durchgeführt.

Das Ergebnis: 62 Patienten oder 18 Prozent der Befragten berichteten von einer Nahtoderfahrung. Je jünger die Betroffenen, desto häufiger nannten sie unerklärliche Erlebnisse: 70 Prozent waren Kinder!

Die Patienten schilderten unterschiedliche Wahrnehmungen aus dem Raum zwischen Leben und Tod: Helles Licht am Ende eines Tunnels; wunderbare Musik; traumhafte Landschaften; das Gefühl tiefen inneren Friedens; seltener eine außerkörperliche Erfahrung, bei der sie sich selbst von oben sahen.

Als gesichert scheint zu gelten, dass diese Phänomene nicht nur bei Herzstillstand, sondern auch bei anderen todes-gefährlichen Erkrankungen auftreten.

Van Lommels Haupt-Erkenntnis lautet: das menschliche Bewusstsein kann nicht isoliert in einem einzelnen Gehirn lokalisiert sein.

Bei einem Herzstillstand wird ja das Gehirn nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt und deshalb ist der Mensch bewusst-los. Wenn er in diesem Zustand nun trotzdem erstaunliche Erlebnisse hat, muss seine Bewusst-heit von einer außerkörperlichen, noch unerforschten Dimension herrühren. Van Lommel nennt sie "das endlose Bewusstsein"!

Als Belege für den notwendigen Umdenkungsprozess in der schulmedizinischen Gehirnforschung und für konkrete Forschungsansätze benennt er 300 wissenschaftliche Arbeiten.  Insbesondere in der Quantenphysik sieht er die Erklärungsmodelle für Nahtoderfahrungen und eine neue Bewusstseinsdefinition.