Ich bin in Kreta. Ich kann's schon riechen

Liebe Familienangehörige und Freunde!

 

Hier auf dem Friedwald-Andachtsplatz wollen wir heute Abschied nehmen von meiner geliebten Elisabeth. Der Mutter unserer Tochter Carolin und der Freundin von Euch allen.

 

Auch in ihrem Namen danke ich Euch für Euer Kommen!

 

Als wir beide im Jahr 1975 heirateten, hätte niemand sich träumen lassen, dass eine tödliche Blutkrankheit in ihren Genen schlummert. 2005 war zum ersten Mal von Essentieller Thrombozythämie die Rede und Elisabeth musste von da an ein Medikament einnehmen und regelmäßig zur hämatologischen Kontrolle. Über die Jahre verstärkten sich die Krankheitssymptome. Und ab 2018 mutierten ihre Blutzellen. Die zuletzt festgestellte Polyzythämie wandelte sich um in eine nicht mehr behandelbare Leukämie.

 

Auf der Palliativstation im Nürnberger Nordklinikum hat Elisabeth noch kurz vor ihrem Tod Geburtstagskarten für meinen Enkel David und für mich gestaltet, die wir beide am 21. März geboren sind. Auf meiner Karte sind zwei rote Herzen eng aneinandergeschmiegt und darunter steht in Großbuchstaben „DANKE“. Als ich mich für dieses wunderschöne Sinnbild und für Ihre Mühe bedankt habe, da kam ein typischer Elisabeth-Spruch: „Du kennst ja mei übliches Gschmarri!“ Auch wenn diese Aussage nur auf den Text bezogen war – hier zeigte sich wieder einmal ein Charakterzug, den sie von ihrem „Vaddi“, dem Schorsch Eyßelein, geerbt hatte: Nur nicht zu viel Aufhebens um die eigene Person machen! Zu dieser Bescheidenheit gehörte auch das Herunterspielen selbst ihrer schweren Krankheit. Entweder sie sprach gar nicht davon - oder sie antwortet auf die Frage: „Wie geht’s?“ mit dem Humor vom Vaddi: „Am liebsten gut!“

 

Elisabeth und ich hatten uns vor rund 10 Jahren schon für eine Urnenbestattung entschieden. Nach einer Führung zusammen mit unseren Freunden Ulli und Rainer Schwarz war dann klar, dass es dieser Bestattungsort hier im Wald bei Ebermannstadt sein sollte.

 

Vor wenigen Wochen sagte mir Elisabeth, dass sie sich bei ihrer Beerdigung im engeren Familien- und Freundeskreis noch bei allen bedanken wollte, die ihr nahestanden und sie im Lauf ihres Lebens begleitet haben. Das Wort „Danke“ steckte für sie auch im Wort „Gedanke“. Und als ich nach der Musik oder den Liedern fragte, die sie gern gespielt haben wollte, da kam gleich die Antwort: „Ich habe immer „Gottes guter Segen“ im Kopf“. Dieses Lied stammt vom Komponisten und Kinderlieder-Autor Rolf Krenzer, den sie während ihrer pädagogischen Ausbildung kennengelernt hatte.

 

Nun wollen wir Elisabeths Persönlichkeit und ihr Leben bis kurz vor dem 75. Geburtstag am 22. April angemessen würdigen.

 

Elisabeth und ihre Schwester Heidi sind als zweieiige Zwillinge unter dramatischen Umständen in Geiselwind geboren. Die Mutter hatte vorher schon eine Schwangerschaft mit der Geburt von Zwillingsmädchen durchgemacht, die nach wenigen Tagen gestorben waren. Die beiden neugeborenen Mädchen nannte man im Dorf Oberwinterbach nur „die Wimmerle“ nach dem Mädchennamen Wimmer ihrer Mutter. Das Außergewöhnliche in der Kindheit der Schwestern ist, dass sie getrennt vom Vater aufwachsen mussten, weil jeder der beiden Elternteile einen eigenen Bauernhof zu bewirtschaften hatte und sich dazu noch um kranke Eltern kümmern musste. Als ledige Frau wollte Elisabeth Wimmer noch nach Nürnberg ziehen, wo ihr Bruder Fritz bereits eine Bäckerei mit Cafe betrieb. Nachdem ihr anderer Bruder als der vorgesehene Hoferbe aber im Krieg gefallen war, da fühlte sie sich ihren Eltern gegenüber verpflichtet und übernahm als Frau eine typische Männerrolle.

 

Elisabeth und ihre Schwester Heidi wuchsen bei ihrer Mutter und den Großeltern in Oberwinterbach auf. Ihr Vater Georg führte den Hof seiner Eltern in Kleinweisach weiter und konnte seine Familie nur am Wochenende besuchen.

 

Elisabeth fühlte sich schon als kleines Mädchen sehr der Mutter verpflichtet und half wo sie konnte. Die schweren Arbeiten im Stall und auf den Feldern überforderten aber nicht nur die Mutter, sondern auch die Kinder. Elisabeth erzählte immer davon, dass sie ständig Rückenschmerzen hatte. Zur damaligen Zeit bestand alle Landarbeit aus einer einzigen Plage. Einen Traktor konnte man sich erst Jahre später leisten. Die Mutter hatte für die Feldarbeit und den Erntetransport nur Kühe und Leiterwagen. Alle Wege waren voller Schlaglöcher und die Straßen nur geschottert.

 

Erst im Alter von 12 Jahren zogen die Mädchen mit ihrer Mutter zum Vater nach Kleinweisach. Dort hatte Georg Eyßelein an der Stelle des alten Hauses mit dem eingebauten Backofen ein modernes zweistöckiges Familienhaus gebaut. Mit ihrem jüngeren Bruder Gerhard zusammen saßen Elisabeth und Heidi in ihren letzten Schuljahren noch in dem einen großen Schulraum der Kleinweisacher Zwergschule.

 

Danach trennten sich die Wege der Zwillinge. Heidi ging zu einem Hauswirtschaftsjahr auf eine Schule auf dem Schwanberg bei Kitzingen. Elisabeth hat sich dafür entschieden, zunächst noch ein Jahr auf die Berufsschule in Höchstadt zu gehen und danach die Mittelschule der Evangelischen Ordensschwestern auf dem Schwanberg zu besuchen. Während der Woche lebte sie dort im Internat und über die Wochenenden holten die Eltern sie nach Hause.

 

Elisabeths Vater hätte es gern gesehen, wenn sie Landschaftsgärtnerin geworden wäre und hatte sich bei einem Betrieb bereits um einen Ausbildungsplatz für sie bemüht.

 

Sie selbst sah für sich selbst aber eher die Kinderpädagogik und den Beruf der Erzieherin. Im reiferen Alter hat es Elisabeth bereut, damals nicht auf das Angebot ihres Vaters eingegangen zu sein.

 

Auf der Evangelischen Sozialakademie in Nürnberg und in etlichen Praktika verbrachte sie dann ihre vierjährige Ausbildung, für die es damals keinerlei Vergütung gegeben hat, so dass sie immer auf die Unterstützung der Eltern angewiesen war.

 

Immerhin konnte sie sich die Miete beim Bäcker Onkel Fritz in Nürnberg in dessen Haus in der Gugelstraße durch die Wohngemeinschaft mit zwei anderen Mädchen teilen. Weil dort aber öfter junge Männer zu Besuch waren, munkelte man in der Nachbarschaft: „Dort hat sich wahrscheinlich eine „Kommune“ eingenistet“.

 

1973 bekam Elisabeth Ihre erste Anstellung im Krankenhaus Fürth, wo sie die auf den Stationen verteilten Kinder der Reihe nach besuchen musste.

 

1974 sind wir uns zum ersten Mal begegnet: auf der verspäteten Weihnachtsfeier im Juni im Kellerlokal „Weinbüttner“ in Erlangen. Ein langer gegenseitiger Blickkontakt – und es hatte gefunkt! Ein Jahr später waren wir verheiratet, weil wir damals als unverheiratetes Paar keine Wohnung bekommen hätten. Elisabeth zog zu mir nach Stuttgart, wo ich inzwischen in einer Werbeagentur arbeitete.

 

Um diese Rede nicht zu lang werden zu lassen, will ich nicht auf die verantwortungsvollen Stellen Elisabeths als Kindergartenleiterin eingehen, wo sie immer wieder Pionierarbeit beim Durchsetzen der zeitgemäßen Arbeit mit Kindern und Eltern geleistet hat. Und auch nicht auf ihre zweite Berufsphase als Erzieherin bei blinden mehrfach behinderten Kindern und Jugendlichen.

 

Viel wichtiger sind ihre Wesenszüge, ihre Persönlichkeit und ihr Charakter mit einem Kern von unbeugsamem Willen und psychischer Stärke. Ohne diese Kraft hätte sie die Belastungen und traumatischen Ereignisse bei uns selbst und bei unseren Familien kaum ertragen, mit denen wir im Lauf der Jahre immer wieder konfrontiert waren.

 

Den ersten Schicksalsschlag gab es schon während Elisabeths Schwangerschaft in Stuttgart: da stellte der Hausarzt eine unerklärliche Infektionskrankheit fest, die in der Folge Elisabeth und unsere 1977 geborene Tochter Carolin sehr betroffen hat.

 

Elisabeth war aber trotz aller Beschwernisse immer ein offener und sehr kommunikativer Mensch. Sie ging gern auf andere zu und freute sich über den Austausch. So hatten wir z.B. bei ihrer langjährigen Tätigkeit im Thomas-Kindergarten in Erlangen enge Kontakte zum Pfarrer und dem Diakon und daneben freundschaftliche Beziehungen zu Familien aus dem Elternbeirat, zu zwei französischen Austausch-Lehrerinnen mit Partner und Kind und einer Familie aus Afrika, in der der Vater in Deutschland mehrere Facharzt-Ausbildungen absolvieren wollte, um die medizinische Versorgung in seinem Heimatland besonders gut erfüllen zu können.

 

Elisabeth war auch eine hervorragende Bäckerin und Köchin und lud gerne unsere Familien und Freunde zum Essen und Kaffeetrinken ein.

 

Als künstlerisch und handwerklich interessierter Mensch hatte es Elisabeth das Töpferhobby sehr angetan. Über mehrere Kurse und mit der Anleitung durch eine engagierte Lehrerin schuf sie nach und nach gelungene Probestücke und selbst herausfordernde Objekte wie stilisierte Tauben, einen Frauen-Halbakt oder eine große archaisch wirkende Vase in Menschenform.

 

Elisabeth hatte aber auch eine besondere Leidenschaft für das Tanzen und brachte mich dazu, mehrere Kurse mit ihr ebenso leidenschaftlich zu absolvieren. Wir haben sogar jetzt zum Jahres- wechsel 2025/26 noch einmal unser altes Ritual versucht: ein paar beschwingte Takte Wiener Walzer Schlag Mitternacht!

 

Aus ihrer eigenen Lebenserfahrung hat Elisabeth für das Heilen von Leid und Krankheit immer den Dreiklang von Körper, Geist und Seele mit den entsprechenden Methoden gesehen. Etwa ab dem Jahr 2000 beschäftigte sie sich mit der Natur als Heilerin und metaphysischen energetischen Verfahren wie Reiki. In dieser Zeit lernte sie mit Gabi Terzakis und Anna Schneider zwei seelenverwandte Frauen kennen, die in diesem Metier ihre Berufung gefunden hatten.

 

Ganz zum Schluss soll uns das Reisen zu fremden Ländern, Menschen und Kulturen noch kurz beschäftigen, das Elisabeth so sehr liebte. Eine Neigung, der wir aber gar nicht so häufig nachgehen konnten. Zusammen mit unserer Tochter haben wir schon in den 1980er Jahren Montenegro und den Pellepones mit der Halbinsel Chalkidike besucht. 1985 mit Hanne und Winnie Gardner die Insel Thasos. Im März 1992 ging‘s mit Elisabeths Kirchengemeinde nach Israel. Für diesen Flug mit der israelischen Fluggesellschaft El Al gab es damals enorme Sicherheitsmaßnahmen bis hin zum Ausleuchten der Umgebung mit Flutlicht und dem Schutz durch Panzerspähwagen. In Israel hatte es nach mehreren Jahrzehnten zum ersten Mal wieder geschneit – danach wuchsen an vielen Stellen im Land bunte Blumenteppiche.

 

Später waren wir in England und auf den Kanaren. Rainer und Anni Schebesta haben uns nach Ungarn in ihr Ferienhaus auf einem ehemaligen Weinberg eingeladen. Und im Herbst 2003 nutzten wir 1die Gelegenheit, an einer Expedition nach Libyen ins Innere der Sahara teilzunehmen – auf den Spuren der prähistorischen Feldbildkunst tief im Südostendes Landes.

 

Als es mit Elisabeths Gesundheit schon nicht mehr so gut stand, haben wir überlegt, ob wir uns nicht unseren lang gehegten Traum nach wenigstens einer Woche Urlaub auf Kreta doch noch erfüllen sollten.

 

Aber dazu ist es nun nicht mehr gekommen.

 

Elisabeth hat in den letzten Stunden vor ihrem Tod unter dem Einfluss von Morphium allerdings noch ein wunderbares Erlebnis gehabt. Ihre letzten Worte waren: „Klaus, ich bin in Kreta. Ich kann's schon riechen!“

 

Dazu passt das zweite Lied, das wir spielen und singen wollen: „Sailing“ von Rod Stewart: „I am flying, I am flying, like a bird across the sky…” Denn schon als Kind hatte sie immer den Traum, dass sie fliegen könnte, mit dem Wind segeln und sich die Welt von oben anschauen…

 

Gute Reise, meine Liebe, in das Kreta einer anderen Dimension – und auf ein Wiedersehen!